Ein fester Teil: Bunte Gewerkschaften in einer vielfältigen Gesellschaft

Shownotes

Schaut man aktuell in die Nachrichten, hört man viele Stimmen, die meinen, Migration sei ein Problem für unsere Gesellschaft. Dabei zeigt der Blick in die Geschichte: Migration ist kein Problem, sondern eine Chance. Das wissen auch die DGB-Gewerkschaften.

In dieser Folge sprechen wir mit Romolo Murgia, der 1968 im Rahmen des Anwerbeabkommens als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland kam. Schon an seinem ersten Tag im Betrieb kam er in Kontakt mit der IG Metall und hat sich dort im Laufe der Jahre immer wieder für die Rechte ausländischer Arbeiter*innen eingesetzt.

Sükran Budak, die sich heute im DGB Vorstand um das Ressort Migration kümmert, erzählt, was sie in ihrer Arbeit heute aus dem Umgang der Gewerkschaften mit den sog Gastarbeiterinnen lernen kann. Und Historiker Michael Schneider ordnet ein, wie sich die Haltung der Gewerkschaften in den letzten 150 Jahren gegenüber ausländischen Arbeiterinnen verändert hat.

„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.    · Host: Maria Popov  · Redaktion: Katharina Alexander für Hauseins und Dieter Pougin für die Hans Böckler Stiftung    · Produktionsleitung: Stefanie Groth   · Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald

Links und Hintergründe

· Geschichte der Gewerkschaften: Gewerkschaften und Migration: Ein langer Lernprozess · bpb: Migrationspolitisches Engagement von Gewerkschaften und gewerkschaftliches Engagement von Migranten · bpb: Zwischen Misstrauen und Integration. Deutschland Archiv · bpb: Erstes Anwerbeabkommen vor 65 Jahren · IG Metall Wolfsburg: 70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen · IG Metall: 50 Jahre Betriebsverfassungsgesetz. Mehr Demokratie im Betrieb · Buch „Vita da Gastarbeiter. Vom Die Geschichte des ersten ausländischen Betriebsrats in Deutschland“ von Lorenzo Annese · NDR Info, Podcast Deine Geschichte – unsere Geschichte: Die 60er: Gekommen und geblieben - Die „Gastarbeiter" · Studie: Mitglieder mit Migrationshintergrund in der IG Metall · Arbeitswelt Podcast: 35h - Eine Geschichte von Migration, Kampf und Mitbestimmung

Weitere Folgen Geschichte wird gemacht

· Hans Böckler: Ein Leben für Demokratie und Mitbestimmung · [Frauen im Streik: „Migrantische Frauen und deutsche Frauen, wir haben alle zusammengehalten“ (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauen-im-streik-wir-werden-die-50-pfennig-kriegen-wenn-wir-zusammenhalten-72797.htm)) · [Die Vergessenen – Wie Vertragsarbeiter*innen in der Wendezeit im Stich gelassen wurden (https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/die-vergessenen-vertragsarbeiter-innen-in-der-wendezeit-im-stich-gelassen-69290.htm))

Transkript anzeigen

00:00:00: Protestrufe: Es gibt kein Recht auf Ausbeutung der Seele!

00:00:08: *Musik*

00:00:23: Yasmin Fahimi: Die Menschen, die zu uns kommen, wollen sich hier ein eigenes Leben aufbauen und sie tun es auch. Sie sind fleißig und sie sind immer diejenigen, die als erstes die dreckigsten Jobs machen.

00:00:35: Maria Popov: Hey, ich bin Maria und ihr hört „Geschichte wird gemacht“. Und Ihr habt gerade Yasmin Fahimi, die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes gehört.

00:00:44: O-Ton Merz: Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August '24/August '25 im Vergleich um 60% nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen.

00:01:04: Maria Popov: Im Oktober letzten Jahres sorgte Bundeskanzler Friedrich Merz mit dieser Aussage für ziemlich viel Aufsehen. Diese Formulierung, das „Problem im Stadtbild“, das hat viele Menschen wütend gemacht und verletzt.

00:01:16: O-Ton Demonstration: Wir sind das Stadtbild! Wir, wir, wir sind das Stadtbild!

00:01:22: *Musik*

00:01:25: Maria Popov: Deutschlandweit sind Menschen auf die Straße gegangen, um gegen Merz' Aussage zu protestieren. Hier zu hören in einem Bericht von BR24. Denn was in seiner Aussage mitschwingt, ist, es gebe noch zu viele Menschen in deutschen Innenstädten, die – nach Merz‘ Wahrnehmung – nicht deutsch genug aussehen, die nicht hierhergehören würden. Ob diese Menschen hier geboren und aufgewachsen sind, ob sie eingewandert sind oder Asyl bekommen haben, das zählt nicht. Was er daraus macht, ist ein Problem. Und wie man das lösen könnte, dafür hat er einige Ideen: ehr Abschiebungen, kein Familiennachzug, mehr Grenzkontrollen, auch wenn sie gegen EU-Recht verstoßen.

00:02:04: Yasmin Fahimi: Vielfalt in einer Gesellschaft ist ein Ausdruck von Freiheit und von Lebenschancen.

00:02:10: Maria Popov: Das ist wieder Yasmin Fahimi. Im März 2025 wurde eine Ausstellung des DGB eröffnet, die sich mit dem Thema Vielfalt auseinandergesetzt hat. Schon damals kritisierte sie:

00:02:23: Yasmin Fahimi: Das wir eine Stimmung haben, in der Fremde zum sozialen Problem dieses Landes gemacht werden, zum Problem der inneren Sicherheit, ist teuflisch.

00:02:33: Maria Popov: Sie hat damals auch darüber gesprochen, wie diese Überzeugung politisch angeheizt wird.

00:02:38: Yasmin Fahimi: Es gibt ja leider eine Stimmungslage in Deutschland, die immer heftiger wird, dass angeblich das Sozialthema dieses Landes die Frage von Migration ist. Das ist nicht nur jenseits des Faktischen, weil wir natürlich ganz viele Menschen haben, aus ganz unterschiedlichen Ländern, seit Jahrzehnten, um nicht zu sagen seit Jahrhunderten, die dieses Land bereichert haben und die zu dieser Gesellschaft gehören.

00:03:09: Maria Popov: Außerdem betont Yasmin Fahimi:

00:03:11: Yasmin Fahimi: Die Menschen, die zu uns kommen, wollen sich hier ein eigenes Leben aufbauen und sie tun es auch. Sie sind fleißig und sie sind immer diejenigen, die als erstes die dreckigsten Jobs machen. Egal ob sie aus der Türkei gekommen sind oder aus Russland, ob sie jetzt aus Syrien gekommen sind oder eben auch aus ganz anderen Ländern der Welt. Das sollten wir respektieren. Denn sie haben Teil an unserem Wohlstand, sie zahlen hier Steuern, sie zahlen in die Sozialversicherung ein, sie sichern auch die Renten der jetzigen Pensionäre und eben Rentenbezieher mit ab.

00:03:51: *Musik*

00:03:55: Maria Popov: Migation ist kein Problem, sondern eine Bereicherung für eine Gesellschaft. Das ist heute die klare Position des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften. Aber wie sind sie in der Vergangenheit damit umgegangen, wenn Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kamen, um hier zu arbeiten?

00:04:11: Romolo Murgia: Du bist in Berlin, ich bin heute, muss man sich vorstellen, in einem kleinen Dorf in Sardinien.

00:04:16: Maria Popov: Der Mann, den ihr hier hört, heißt Romolo Murgia. Als wir ihn zum Videocall treffen, ist er gerade mit seiner Familie auf Sardinien. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Inzwischen ist er in Rente. Aber sein ganzes Arbeitsleben lang haben Gewerkschaften für ihn eine besondere Rolle gespielt.

00:04:35: *Musik*

00:04:36: Maria Popov: Romolo Murgias Arbeit bei den Gewerkschaften beginnt in Deutschland in den 1970er Jahren. Aber schon als Kind in Italien spielt Mitbestimmung eine große Rolle für ihn. Sein Vater ist Kommunist, zu Hause wird also viel über Politik gesprochen.

00:04:50: Romolo Murgia: Anständigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit war seine Maxime. Er ist im Dorf auch immer dafür eingetreten, für die Schwächeren des Dorfes, und geguckt, dass das alles in Ordnung ist. Er hat uns sozusagen ein bisschen schon streng erzogen, aber streng im Sinne, du musst deine Würde immer verteidigen, du musst dich nicht bücken.

00:05:22: Maria Popov: Als Jugendlicher zieht Romolo Murgia nach Pisa und macht dort eine Ausbildung an einer katholischen Schule. Vormittags lernt er verschiedene Handwerke, nachmittags hat er Philosophie-, Wirtschafts- und Theologieunterricht.

00:05:35: Romolo Murgia: Und die wollten indirekt versuchen, uns zu überzeugen, Priester zu werden. Aber so wie es ist im Leben, wenn man dann 18-jährig wird und sieht man die Schönheiten der Welt, dann überlegt man sich das zweimal.

00:05:57: Maria Popov: Ein Leben als Priester kommt für Romolo nicht in Frage. Er ist 18 Jahre alt, als er mit der Ausbildung fertig ist.

00:06:04: Romolo Murgia: Ich wollte nicht ins Dorf zurück. Und da gab es die Anwerbungskommission damals.

00:06:12: Maria Popov: Im Dezember 1955 hat Deutschland ein Anwerbeabkommen mit Italien abgeschlossen. Das besagt, das deutsche Unternehmen italienische Arbeiter*innen legal beschäftigen dürfen. Die BRD braucht damals nämlich sehr dringend Arbeitskräfte.

00:06:26: Romolo Murgia: Dann hatte ich mich dann auf den Weg gemacht und bin nach Verona, wo wir untersucht worden sind von deutschen Ärzten.

00:06:36: Maria Popov: Denn auch wenn Deutschland dringen Arbeiter*innen braucht, einreisen soll nur, wer fit und kerngesund ist. Viele erinnert die Untersuchung an die Musterung beim Militär.

00:06:46: Romolo Murgia: Die Untersuchung war ein bisschen beschissen, also um das deutlich zu sagen, weil wir mussten uns also bis auf die Unterhosen ausziehen und den Mund aufmachen und die haben alle Löcher angeguckt sozusagen und sagen, so der ist gesund, der darf.

00:07:06: Maria Popov: In den Auswanderungsbüros in Verona sind auch deutsche Personalchefs vor Ort.

00:07:10: Romolo Murgia: Dann hatte ich einen Arbeitsvertrag gleich angeboten, ob ich mir das vorstellen könnte, bei der Firma zu arbeiten. Und dann habe ich gesagt ja, warum nicht?

00:07:21: Maria Popov: Also unterschreibt Romolo Murgia einen Vertrag bei der Firma Längerer & Reich, die stellen damals Kühler für Fahrzeuge her.

00:07:28: Romolo Murgia: Und dann konnten wir abends gleich los mit dem Zug, Verona-München und dann München-Stuttgart. Und der Personalchef sagte zu mir, wenn Sie in Stuttgart ankommen, schauen Sie, ich werde dort sein, auf Sie warten und ich werde ein großes Schild tragen und da steht der Name der Firma, dann kommen Sie zu mir. Und so geschah es auch.

00:07:55: *Musik*

00:07:58: Maria Popov: Fast vier Millionen Italiener*innen kommen ab Mitte der 50er Jahre im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Deutschland. Italien war das erste Land, mit dem Deutschland so ein Abkommen geschlossen hat. In den nächsten Jahren folgen dann Spanien und Griechenland, die Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und das damalige Jugoslawien. Die Idee der Regierung: ie Menschen sollen für einige Jahre hier arbeiten und dann wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Darum sprechen auch so viele von Gastarbeiter*innen. Heute wissen wir: iele der Menschen, die damals kamen, sind dauerhaft in Deutschland geblieben, haben hier gearbeitet und ihre Kinder großgezogen. Die sogenannten Gastarbeiter*innen waren aber natürlich nicht die ersten Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen, um hier zu arbeiten.

00:08:47: Michael Schneider: Der Ruhrbergbau und die Schwerindustrie waren ja der Motor der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts und sie hatten einen ungeheuren Bedarf an Arbeitskräften. Da ist man auf die großartige Idee verfallen, man könnte doch aus dem benachbarten Ausland, in diesem Falle aus Polen, Arbeitskräfte heranholen.

00:09:06: Maria Popov: So fasst es der Historiker Michael Schneider zusammen. Dadurch, dass die Löhne in Polen damals deutlich niedriger waren als im Kaiserreich, konnten die Unternehmen die polnischen Arbeiter*innen mit weniger Geld abspeisen als deutsche Fachkräfte. In den 1880er und -90er Jahren kommen so knapp eine halbe Million Polen und Polinnen ins Ruhrgebiet.

00:09:28: Michael Schneider: Die unterschieden sich allerdings von späteren Einwanderungswellen in dem Punkt, dass die Polen und Polinnen a) von vornherein Arbeitsplätze hatten. Sie wurden gesucht, sie wurden gebraucht im Ruhrbergbau und in der Eisen- und Stahlindustrie. Und sie kamen mit Perspektive, sie bleiben auch. Sie gründen hier ihre Familie, also es war von vornherein klar, die kommen, um zu bleiben.

00:09:52: Maria Popov: Und wie reagierten die Gewerkschaften auf diese neuen Kolleg*innen?

00:09:55: Michael Schneider: Die Gewerkschaften haben versucht, diese Arbeiter und Arbeiterinnen für sich zu gewinnen. Sie haben also polnischsprachige Flugblätter, haben auch eine polnischsprachige Zeitschrift herausgegeben, aber der kulturelle Unterschied zwischen den Polinnen und Polen, die ins Ruhrrevier eingewandert sind und diesen Gewerkschaften, war noch relativ groß.

00:10:16: Maria Popov: Denn die polnischen Arbeiter*innen sollen zwar Gewerkschaftsmitglieder werden, wirklich mitbestimmen dürfen sie aber nicht.

00:10:23: Michael Schneider: Von Anfang an haben sie beklagt, dass sie in diesen Gewerkschaften, in den bestehenden Richtungsgewerkschaften, keinerlei Funktionen angeboten bekommen haben, nicht kandidieren konnten für irgendein Amt und dass ihnen diese polnischsprachigen Mitteilungsblätter keineswegs ausreichten, um eine Hilfe im Alltag zu bringen.

00:10:43: Maria Popov: Denn die polnischen Arbeiter*innen sollen zwar Gewerkschaftsmitglieder werden, wirklich mitbestimmen dürfen sie aber nicht. Kurz gesagt: ie polnischen Arbeiter*innen fühlen sich von den deutschen Gewerkschaften nicht abgeholt und kümmern sich selbst drum.

00:10:57: Michael Schneider: Dementsprechend haben die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen sehr schnell ein ganz breites Organisationsnetz von religiösen Verbänden, Sportvereinen, auch sozialen Hilfsorganisationen aufgebaut und haben also ihre eigene Infrastruktur im Grunde genommen entwickelt, zu der es dann auch gehörte, in 1902 die polnische Berufsvereinigung zu gründen, also eine eigene Gewerkschaft. Die hat zwar freundschaftlichen Kontakt zu den christlichen Gewerkschaften unterhalten, aber sie war eine eigenständige polnische Organisation. Ein Novum in der damaligen Zeit.

00:11:31: Maria Popov: In den nächsten Jahren beteiligt sich die polnische Berufsvereinigung an einigen Arbeitskämpfen für bessere Arbeitsbedingungen im Bergbau. Ab den 1920er Jahren verliert sie dann immer mehr an Bedeutung.

00:11:43: Michael Schneider: Die polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen haben sich stärker in das System des zunächst Deutschen Kaiserreichs und dann auch in die Weimarer Republik integriert und brauchten keine eigene Gewerkschaft mehr. Wenn sie gewerkschaftlich organisiert sein wollten, dann haben sie das eben in dem christlichen bzw. sozialdemokratisch orientierten Bergarbeiterverband oder im Metallarbeiterverband getan.

00:12:06: Maria Popov: Was ich – gerade heute, wo wir so viel über Migration und die Frage, wer in Deutschland dazugehört, diskutieren– ist, dass die polnischen Arbeiter*innen vor über 100 Jahren ganz selbstverständlich Teil der deutschen Gesellschaft wurden.

00:12:20: Michael Schneider: Zu dem Zeitpunkt waren sie ja gar keine Ausländer mehr. Das heißt, sie sind gekommen, um zu bleiben. Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen bzw. angetragen bekommen und dann angenommen. Das waren Deutsche. Und sie haben ganz schnell die deutsche Sprache gelernt, weil sie ja bleiben wollten.

00:12:38: Maria Popov: Bleiben, das wollten auch viele der Menschen, die über die Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen. So wie Romolo Murgia. Er kommt an einem verschneiten Januartag 1968 in Stuttgart an.

00:12:50: *Musik*

00:12:52: Was ihn hier erwartet, das weiß er nicht. Erst mal gibt es gute Nachrichten: Der Betrieb hat ihm eine Unterkunft organisiert und er bekommt sogar ein Einzelzimmer.

00:13:02: Romolo Murgia: Im Vergleich zu anderen, die eben mit drei oder vier in einem Zimmer schlafen mussten, war ich schon privilegiert.

00:13:13: Maria Popov: Sein Vorgesetzter holt ihn mit dem Auto vom Bahnhof ab. Romolo Murgia ist aufregt und gespannt, was sein neues Leben für ihn bereithält. Am ersten Tag ist er dann pünktlich bei der Arbeit.

00:13:25: Romolo Murgia: Als ich dann morgens dem Betriebsleiter vorgestellt wurde vom Personalchef, dann ist es, da sagte der Betriebsleiter zum Personalchef, ich habe doch Arbeitskräfte bestellt, das ist doch ein kleines Kind. Ich habe natürlich mit 18 wirklich so ausgesehen, so wie wenn ich nicht volljährig wäre. Ich hatte das Wort Kind verstanden und es blieb bei mir im Kopf.

00:14:05: Maria Popov: Eine herzliche Begrüßung sieht anders aus. Aber trotz Babyface versucht Romolo Murgia, sich nicht unterkriegen zu lassen und lernt zum Glück direkt ein paar nette Kollegen kennen.

00:14:15: Romolo Murgia: Aber im Betrieb waren noch zwei oder drei Italiener schon, die dann natürlich behilflich waren. Wir haben uns alles gezeigt, worauf wir achten sollten und so weiter.

00:14:31: Maria Popov: Außerdem kommt direkt am ersten Arbeitstag einer der Meister auf ihn zu und fragt, ob er nicht auch in die Gewerkschaft eintreten möchte. Er sagt:

00:14:39: Romolo Murgia: Wir sind bei der IG Metall alle und du sollst auch beitreten. Ich habe dann auch unterschrieben, ohne lange zu überlegen, weil es war mir auch sofort klar, dass ich dabei sein muss.

00:14:54: Maria Popov: Aus seiner Jugend in Italien weiß Romolo Murgia, wie wichtig es sich, sich in Gewerkschaften zusammenzutun.

00:15:01: Romolo Murgia: Also die Gewerkschaften in Italien waren damals schon stark repräsentiert in den Betrieben. Und ich hatte immer von meinem Vater darüber gehört.

00:15:12: Maria Popov: Generell spricht er viel mit seinen neuen Bekannten aus Stuttgart über Politik.

00:15:17: Romolo Murgia: Am Bahnhof kam eine einzige Zeitung, italienische Zeitung, das war die L‘Unità, also die kommunistische Zeitung. Und alle haben das gekauft und gelesen, wir haben darüber diskutiert. Also wir waren schon gut politisch organisiert und haben politisch auch gedacht. Deshalb war der Eintritt in IG Metall eine normale Sache.

00:15:38: Maria Popov: Als Romolo Murgia in Deutschland ankommt, sind die Gewerkschaften, besonders die IG Metall, schon sehr offen gegenüber migrantischen Kolleg*innen. Das war aber nicht von Anfang an so. Als 1955 das erste Anwerbeabkommen geschlossen wird, gibt es in den Gewerkschaften auch kritische Stimmen.

00:15:57: Michael Schneider: Die Gewerkschaften haben das durchaus ambivalent, durchaus zwiespältig gesehen. Sie haben auf der einen Seite die Interessen ihrer Mitglieder, der Deutschen, vertreten und sind davon ausgegangen, ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl könnten womöglich, da sie schlechter ausgebildet sind, Lohndruck ausüben. Und sie würden gegebenenfalls sich in der Gesellschaft gar nicht so richtig integrieren, weil sie ja als Gastarbeiter betrachtet worden sind. Und dementsprechend braucht man auch keinerlei Integrationsanstrengungen zu unternehmen.

00:16:32: Maria Popov: Aber als die sogenannten Gastarbeiter*innen ankommen, ändert sich die Stimmung in den Gewerkschaften.

00:16:38: Michael Schneider: Sie haben aber sehr schnell erkannt, dass diese Menschen, die da kamen, in Bereichen arbeiteten, vielfach ja zunächst eben auch wirklich in den traditionellen Industriebereichen, da in Kontakt zu Gewerkschaften kommen und es darauf ankommt, denen einfach Lebenshilfe zu geben. Also sie aus eigenem Interesse an die Gewerkschaften heranzuführen, sie in ihren Landessprachen anzusprechen, ihnen Alltagshilfen anzubieten, zu sagen, wie macht man das eigentlich, wie kommt man mit der Krankenversicherung klar, wie sieht das mit der Rentenversicherung aus?

00:17:11: Maria Popov: Erst mal können die migrantischen Arbeiter*innen den Gewerkschaften aber nur als einfache Mitglieder beitreten.

00:17:17: Michael Schneider: Das heißt nun nicht, dass man davon ausgegangen ist, dass man sie über die Gewerkschaftsmitgliedschaft, für die man sie umworben hat, hinaus dann auch in die Führungsetagen der Gewerkschaften aufnehmen würde. Also Gewerkschaftssekretär werden oder gar noch weiter aufsteigen, war in den 50er Jahren überhaupt kein Thema.

00:17:35: Maria Popov: Das wird sich mit der Zeit noch ändern. Aer zurück zu Romolo Murgia. Der hatte zwar vor seiner Einreise ein paar Worte Deutsch gelernt, wirklich gut spricht er es damals aber noch nicht. Und die Arbeit im Betrieb hilft ihm leider auch nicht dabei.

00:17:49: Romolo Murgia: Die Vorgesetzten, die haben uns immer mit diese komischen unkonjugierte Formen gesprochen. Du kommen, du gehen, du machen, du holen und so. Es ist immer dieses komische Deutsch und so haben wir das am Anfang auch gelernt. Erst später, als ich dann merkte, wie die mit uns reden, habe ich protestiert. Es gab damals auch diese kleinen Wörterbücher von Langenscheidt und dann hatte ich mir auch eins gleich besorgt, es wurde dann besser.

00:18:29: Maria Popov: Außerdem macht er einen Deutschkurs an der Abendschule.

00:18:32: Romolo Murgia: Und natürlich abends war man müde und man ist trotzdem hingegangen, weil man wollte unbedingt was lernen, sich ordentlich ausdrücken.

00:18:43: Maria Popov: Die Tage sind also voll. Tagsüber steht Romolo Murgia an der Schweißmaschine, abends lernt er deutsche Grammatikregeln auswendig. Aber trotzdem, er ist jung und er hat Lust, etwas zu erleben. An den Wochenenden geht er mit seinen Kollegen aus, zum Tanzen oder um Cola zu trinken – für Romolo bitte ohne Whiskey. Mit der Zeit findet er auch einige deutsche Freunde.

00:19:07: Romolo Murgia: Ich habe dann einen jungen Mann kennengelernt, der wohnte noch bei seiner Mutter und die haben eine Wohnung gehabt, frei. Und dann bin ich dann dort mit einem anderen Kumpel, sind wir dort eingezogen.

00:19:22: Maria Popov: Er erlebt die Stuttgarter als offen und interessiert.

00:19:25: Romolo Murgia: Also ich persönlich habe mich nie diskriminiert gefühlt.

00:19:30: Maria Popov: Aber nicht alle Menschen, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen, machen so positive Erfahrungen wie Romolo Murgia. Viele berichten von rassistischen Beleidigungen, davon, ausgeschlossen und kritisch beäugt zu werden.

00:19:42: O-Ton NDR: Wir durften nicht tanzen gehen. Da stand immer draußen: für Hunde und Italiener Zutritt verboten. Pizza war das Teufelszeug!

00:19:51: Maria Popov: So fasst es Calogero Ciulla im Podcast „Deine Geschichte – Unsere Geschichte“ von NDR Info zusammen. Er kam 1969, also ein Jahr nach Romolo Murgia, von Sizilien nach Deutschland und hat sein Leben lang in Lübeck gearbeitet. Bis heute fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen Italien und Deutschland. Und er hat im Laufe der 50 Jahre, die er in Deutschland lebt, immer wieder Diskriminierung erlebt.

00:20:19: Michael Schneider: Es gab auch große Vorbehalte gegen diese jungen Männer, die es ja vielfach waren, die dann am Bahnhof in Anführungszeichen herumlungern. Also Vorbehalte, die wir heute auch kennen, die aber erst im Laufe der 60er und 70er Jahre dann wirklich abgebaut worden sind, als man feststellte, das sind Menschen wie wir. Die sind auch nicht krimineller, die sind auch nicht lästiger, die wollen einfach nur hier arbeiten.

00:20:47: Maria Popov: Ab Ende der 50er Jahre gibt es dann durch das Wirtschaftswunder einen richtigen Tourismusboom in Deutschland.

00:20:53: Michael Schneider: Das heißt, ab Ende der 50er Jahre und in den 60er Jahren wurden Spanien, wurden Italien, wurde Griechenland zu Sehnsuchtsländern der Touristen. Also Deutsche fuhren dahin, mit ihrem VW oder mit welchem Auto auch immer, lernten die Landschaften da kennen, lernten die Menschen da kennen und konnten feststellen, das ist kein großer Unterschied, die nehmen einen freundlich auf und warum sollen wir das nicht mit denjenigen, die hier nach Deutschland kommen, einigermaßen genauso tun?

00:21:21: *Musik*

00:21:25: Maria Popov: Die sogenannten Gastarbeiter*innen werden also immer mehr zu Bekannten, Kolleg*innen, Freund*innen. Viele sind in den Gewerkschaften organisiert, können dort aber nur in kleinem Rahmen mitbestimmen.

00:21:36: Michael Schneider: Sie konnten Vertrauensleute werden, aber sie konnten bis 1972 nicht in den Betriebsrat gewählt werden. Erst mit einem Betriebsverfassungsgesetz von 1972 war es möglich, dass Ausländer ein passives und aktives Recht der Betriebsratsarbeit hatten.

00:21:51: Maria Popov: Einige Jahre nach der Erneuerung dieses Gesetzes spricht ein Kollege Romolo Murgia im Betrieb an.

00:21:57: Romolo Murgia: In der IG Metall Stuttgart arbeitete auch als politischer Sekretär ein anderer Italiener, Bernardo di Croce, Bernhard genannt und wir kannten uns ja und er hat immer gesagt, Romolo, wir müssen unbedingt im Betrieb was voranbringen. Und so habe ich kandidiert als Vertrauensmann und dann bin ich auch gewählt.

00:22:22: *Musik*

00:22:26: Maria Popov: Vertrauenspersonen sind Gewerkschaftsmitglieder, die in den Betrieben arbeiten, und die Arbeiter*innen ansprechen können, wenn sie ein Problem oder eine Frage haben. Außerdem informieren sie die Belegschaft über Entscheidungen der Gewerkschaften. Romolo Murgia ist inzwischen zum technischen Zeichner aufgestiegen. Durch seine Arbeit hat er mit vielen Menschen in unterschiedlichen Abteilungen Kontakt – und das hilft ihm sehr, als er sich 1979 bei der Wahl zum Betriebsrat aufstellen lässt.

00:22:56: Romolo Murgia: Und siehe da, habe ich die meisten Stimmen bekommen, von allen. Auch von der damaligen Betriebsratsvorsitzenden. Und dann hieß es sofort, Mann, Romolo, du musst jetzt in den Betriebsrat. Und zwar, normalerweise, du hast die meisten Stimmen, müsstest du eine große Verantwortung dort tragen. Ich habe gesagt, Leute, ich bin im Betriebsrat auch sofort freigestellt, aber ich hatte abgelehnt die Leitungsfunktion, weil ich konnte das ja gar nicht. Und so habe ich dann angefangen im Betriebsrat als freigestellter von einem Tag zum anderen. Im Betriebsratsbüro, da war eine Sekretärin da, das war für mich alles wie ein Vulkanausbruch.

00:23:46: Maria Popov: Romolo Murgia ist sich der Verantwortung bewusst, die mit einer Wahl in den Betriebsrat einhergeht. Und er möchte seine neue Aufgabe gut machen.

00:23:54: Romolo Murgia: Und ich habe gesagt, so ich habe jetzt den Schritt getan und das muss ich jetzt ordentlich ausführen.

00:24:02: Maria Popov: Also heißt es wieder: lernen. Zum Glück wird er dabei von der Gewerkschaft unterstützt.

00:24:07: Romolo Murgia: Da sind wir dann auf Seminare gegangen, manchmal eine Woche Seminar, mal sogar zwei Wochen Seminar, weil du musstest ja wissen, was steht in dem Betriebsverfassungsgesetz, wie reagierst du, wenn da jemand versetzt wird, wenn einer gekündigt wird.

00:24:26: Maria Popov: Für Romolo Murgia ist ein Teil der Gewerkschaftsarbeit besonders wichtig:

00:24:29: Romolo Murgia: Die Frage Mitbestimmung natürlich war für mich die Frage überhaupt, ja, weil mir irgendwann erklärt wurde, dass wir als Betriebsrat in Fragen Einstellungen, Kündigungen und andere Entscheidungen wir Mitbestimmung haben, da habe ich gesagt, naja, Romolo, wir haben die Revolution damals 1968 nicht geschafft. Vielleicht gelingt uns jetzt eine bessere Gesellschaft, wenn wir uns so die Frage Mitbestimmung vorantreiben und überall so praktizieren, dass wir wirklich mitbestimmen.

00:25:13: Maria Popov: Wirklich mitbestimmen, das heißt für Romolo Murgia auch, dass die Bedürfnisse der ausländischen Arbeitskräfte genauso gesehen werden müssen wie die der deutschen. 1981 hat er den Vorsitz des Ausländer-Ausschusses der IG-Metall und für den Gewerkschaftstag ein großes Ziel: Die Satzung soll geändert werden, sodass ausländische Arbeitskräfte als eigene Personengruppe anerkannt werden.

00:25:37: Romolo Murgia: Weißt du, wenn du als Personengruppe anerkannt wirst, dann kannst du zum Beispiel Anträge stellen an dem Gewerkschaftstag. Also du kannst dich politisch äußern und Anträge stellen und dafür werben, dass du Mehrheiten bekommst.

00:25:55: Maria Popov: Also ein wichtiger Schritt hin zu mehr Mitbestimmung.

00:26:00: Romolo Murgia: Innerhalb der IG Metall in Stuttgart waren wir 33.000, muss man sich vorstellen, 33.000 ausländische Mitglieder und ich war Vorsitzender des Ausschusses. Und uns war klar, wir waren eine politische Kraft, die auch sehr viel bewegen konnte. Und wir haben sehr gut organisiert. Und wir haben es geschafft damals, die Satzung zu ändern.

00:26:28: Maria Popov: Ausländische Arbeitskräfte sind damit laut Satzung eine anerkannte Personengruppe in der IG Metall. Aber für Romolo Murgia geht es nicht nur um die veränderte Satzung, sondern auch um ein politisches Signal.

00:26:41: Romolo Murgia: Du musst ja überlegen, damals waren wir sogenannte Gastarbeiter, die werden irgendwann schnell wieder gehen, wenn sie ein, zwei Jahre, und dann haben sie ein bisschen Geld und dann hauen sie wieder ab. Pustekuchen. Durch diese Anerkennung als Personengruppe haben wir auch bewiesen, dass wir hierbleiben wollen.

00:27:05: Maria Popov: Für Menschen ohne deutschen Pass ist diese Entscheidung die allererste Möglichkeit, sich in Deutschland politisch einzubringen und mitzubestimmen.

00:27:14: Romolo Murgia: Also es war schon ein Riesending.

00:27:17: Maria Popov: Und diese Satzungsänderung ist erst der Anfang für mehr Mitbestimmung von migrantischen Arbeiter*innen in der IG Metall.

00:27:23: Michael Schneider: Die IG Metall hat eine Vorreiterfunktion übernommen, was die Integration von ausländischen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in die Organisation der Gewerkschaften anlangt. Bereits auf dem 14. Gewerkschaftstag 1983 hat sie beschlossen, dass die ausländischen Arbeitnehmer eigene Konferenzen durchführen können und dass diese Konferenzen dann auch ein Antragsrecht haben zum Gewerkschaftstag. Mit anderen Worten, dass die Stimme der ausländischen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die im Metallbereich beschäftigt waren, gehört werden müssen, auch auf den Konferenzen der Gesamtorganisationen.

00:28:02: Maria Popov: Die Arbeit im Ausländer-Ausschuss der IG Metall macht Romolo Murgia damals besonders viel Spaß.

00:28:07: Romolo Murgia: Das war schon eine tolle Arbeit. Weißt du, das war auch so, es waren da plötzlich Italiener, Portugiesen, Spanier, Jugoslawen, türkische Kolleginnen und Kollegen. Es waren fünf, sechs Nationalitäten innerhalb dieses Ausschusses und wir haben alle Deutsch gesprochen miteinander, ja. Und wir haben versucht, uns immer zu verstehen. Und diese Internationalität, dieses weißt du, oft haben wir dann gerufen: hoch die internationale Solidarität. Aber für uns waren das nicht leere Wörter. Wir haben das auch praktiziert, im Betrieb und in allen Bereichen, wo wir tätig waren.

00:28:57: *Musik*

00:29:00: Maria Popov: Romolo Murgia bleibt bis zu seiner Rente im Unternehmen. Er erkämpft 1984 gemeinsam mit der IG Metall die Einführung der 35-Stunden-Woche und setzt sich sein ganzes Arbeitsleben lang für die Belegschaft ein. Wenn ihr mehr über diesen Teil seines Lebens hören wollt, empfehlen wir euch den „Arbeitswelt Podcast“ der DGB Region Stuttgart. Dort beschäftigen sich Peter und Andre mit aktuellen Kämpfen und historischen Debatten der Gewerkschaftsbewegung. Und letztes Jahr hatten sie Romolo Murgia zu Gast. Den Link zum Podcast findet ihr in den Shownotes. Romolo Murgia und seine Kolleg*innen waren Vorkämpfer*innen, die migrantische Arbeiter*innen sichtbar gemacht haben. Er ist froh, dass diese Perspektiven heute ganz selbstverständlich Teil der Gewerkschaften sind.

00:29:47: Romolo Murgia: Ich freue mich riesig, zum Beispiel, die VWBetriebsratsvorsitzende ist eine ehemalige Italienerin oder trägt einen italienischen Namen, Cavallo. Es gibt viele innerhalb der Organisation politische Sekretäre, die eben ausländische Wurzeln haben.

00:30:07: Maria Popov: Eine, die sich auch heute noch dafür einsetzt, dass Menschen aus allen Ländern in die Gewerkschaften eingebunden werden, ist Sükran Budak.

00:30:16: Sükran Budak: Ich arbeite bei der IG Metall im Vorstand im Ressort Migration.

00:30:20: Maria Popov: Sükran Budak ist schon während ihres Studiums einer Gewerkschaft beigetreten. Und zwar der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

00:30:29: Sükran Budak: Ich habe einen nicht-akademischen Hintergrund, also ich komme aus einem Arbeite*rinnenhaushalt. Das heißt, beide Eltern haben gearbeitet. Und ich war an der Uni quasi, also ich gehörte schon, in Anführungsstrichen, zu der Minderheit der Menschen, die einen nicht-akademischen Hintergrund haben und trotzdem studiert haben. Und ich habe gemerkt, dass die Politgruppen zum Beispiel an der Uni mir nicht so zugesagt haben, weil es entweder zu abstrakt war oder zu weit weg von den Lebensrealitäten der Leute. Ich habe auch viel gearbeitet neben dem Studium und habe einfach damals dann, als ich zu den Gewerkschaften gekommen bin, gemerkt, das sind irgendwie total unterschiedliche Menschen. Menschen, die in Ausbildung sind, Menschen, die im Studium sind, Menschen, die in Arbeit sind. Und das hat mich irgendwie angesprochen.

00:31:10: Maria Popov: In ihrem Master bekommt sie dann ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, wie man so ein Stipendium bekommt und was damit alles möglich ist, dann hört doch mal in unsere Folge über Hans Böckler rein. Ihr findet sie in den Shownotes. Über ein Praktikum kommt Sükran Budak letztendlich zur IG Metall. Inzwischen arbeitet sie dort seit fünf Jahren im Vorstand. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist es, internationale Beschäftigte zu organisieren.

00:31:36: Sükran Budak: Wir setzen uns ja quasi dafür ein, dass Menschen bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen haben in der Arbeitswelt. Und dafür gibt es das Instrument der Tarifverträge. Tarifverhandlungen werden aber nur geführt, wenn ein bestimmter Prozentsatz organisiert ist in einem Betrieb. Und wir haben teilweise Betriebe, wo wir, wenn wir gerade in Ostdeutschland unterwegs sind, Betriebe, die einen hohen Anteil an migrantischen Beschäftigten haben. So, und da gehört es sozusagen auch einfach dazu, die Menschen anzusprechen in ihren Sprachen und die Gewerkschaft näher zu bringen und auch das Gewerkschaftssystem in Deutschland, was ja ganz oft ganz anders funktioniert als in den Herkunftsländern.

00:32:18: Maria Popov: Also das, was auch Romolo Murgia schon erlebt hat, als er 1968 nach Deutschland kam. Sükran Budak sagt: avon, wie die IG Metall damals auf die sogenannten Gastarbeiter*innen zugegangen ist, kann man auch heute noch etwas lernen.

00:32:33: Sükran Budak: Wir haben über 500.000 Mitglieder mit Migrationshintergrund in der IG Metall und das war für viele erst mal in der Wissenschaft eine Überraschung. Für uns natürlich nicht, weil wir kennen unsere Mitglieder und wir wissen, wie aktiv alle sind. Und die Frage, die sich dann gestellt wurde, ist, woran liegt das eigentlich? Man hat dann die sogenannte Gastarbeiternnen-Generation befragt in einer qualitativen Studie.

00:32:57: Maria Popov: Die Studie wurde von der Humboldt-Universität in Berlin und der Leuphana Uni in Lüneburg durchgeführt. Heraus kamen drei Hauptgründe, warum migrantische Menschen Mitglieder in der IG Metall sind

00:33:09: Sükran Budak: Das eine, was viele beschrieben haben, ist eben die gewerkschaftliche Bildungsarbeit. Also, dass man quasi als Subjekte wahrgenommen wird und dass man so eine positive Bildungserfahrung gemacht hat, im Gegensatz zu dem, was man in der Mehrheitsgesellschaft sozusagen die ganze Zeit hatte. Das Zweite ist das Mentoring, also dass die Leute sich dann auch gegenseitig bestärkt haben, Gewerkschaftsmitglied zu werden und auch aktiv zu werden. Also, wir haben überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationsgeschichte zum Beispiel in den Vertrauensleutestrukturen.

00:33:41: Maria Popov: Auch Romolo Murgia war Vertrauensmann in seinem Betrieb. Und wenn ihr unsere letzte Folge über Frauen im Streik schon gehört habt, erinnert ihr euch ja sicherlich auch noch an Irina Vavitsa, die Anfang der 70er aus Griechenland nach Deutschland kam – und auch zur Vertrauensfrau gewählt wurde.

00:33:58: Sükran Budak: Und das Dritte, was viele beschrieben haben, ist, dass die Gewerkschaft so ein Ort politischer Heimat war. Also, dass man quasi einfach einen Ort hatte, wo man auch in Kontakt gekommen ist mit der Mehrheitsgesellschaft. Und diese drei Bullet Points, die ich gerade beschrieben habe, die probieren wir auch quasi auf das Heute zu übersetzen.

00:34:16: Maria Popov: Das heißt, dass Infomaterial der IG Metall in vielen verschiedenen Sprachen angeboten wird und die Bildungsveranstaltungen nicht nur auf Deutsch stattfinden, sondern zum Beispiel auch auf Polnisch, Arabisch oder Spanisch. Ihr habt es am Anfang dieser Folge gehört: olitisch wird gerade oft suggeriert, Migration sei ein Problem für unsere Gesellschaft. Auch in den Gewerkschaften ist das spürbar. Bei den letzten Wahlen lagen die Zustimmungswerte für die AfD in den Gewerkschaften leicht über dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Wir haben Sükran Budak gefragt, wie sie dazu denkt.

00:34:52: Sükran Budak: Also ich glaube, was alle spüren, ist so eine gesamtgesellschaftliche Veränderung mit Blick auf das Thema Migration. Das ist etwas, was wir nicht leugnen können. Und das ist etwas, was wir und auch unsere Mitglieder tagtäglich in den Betrieben spüren. Das Wichtige bei der Frage ist, denke ich, dass wir nicht immer auf dieses gegen, gegen, gegen die AfD oder gegen Rechtsextremismus oder gegen rechte Tendenzen oder gegen Rechts und so weiter beharren, sondern dass wir auch gucken, dass wir für etwas stehen. Und wir haben ja auch etwas, wofür wir stehen, pro Demokratie sozusagen, pro demokratisch aufzutreten, da auch Leuchttürme zu setzen und vielleicht auch so Utopien aufzuzeigen, dass es auch Gegenentwürfe zu dem gibt.

00:35:31: Maria Popov: Sie selbst erlebt in ihrer Arbeit, wie bereichernd es sein kann, wenn Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern oder mit unterschiedlichen Blickwinkeln zusammenarbeiten.

00:35:39: Sükran Budak: Und das war am Anfang auch schwierig, weil das auch immer eine Ressourcenfrage ist und auch immer die Frage der Notwendigkeit gestellt wird und ich glaube, das ist etwas, was sich sehr, sehr positiv in den letzten Jahren auch innerhalb der Gewerkschaft entwickelt hat und auch etwas, worauf wir als Gewerkschaft noch mal zurückblicken können und auch stolz sein können zu sagen, man nimmt sich auch der Gruppe an und man guckt, dass sozusagen die Belange, die Probleme und die Bedürfnisse, die Lebensrealitäten der Menschen eigentlich wahr sind und angenommen werden und auch integriert werden in die Gewerkschaftsarbeit.

00:36:14: *Musik*

00:36:17: Maria Popov: Als Deutschland in den 1950er und -60er Jahren Anwerbeabkommen mit anderen Ländern abgeschlossen hat, ist es ganz automatisch zu einem Einwanderungsland geworden. Das haben auch die Gewerkschaften gemerkt. Auch wenn einige Mitglieder den sogenannten Gastarbeiter*innen erst mal skeptisch gegenüberstanden, haben sie mit der Zeit verstanden, dass die Menschen damals gekommen sind, um zu bleiben und haben sie in ihre Strukturen aufgenommen. Bis heute zeigt die Arbeit der Gewerkschaften, dass Migration die Gesellschaft stärker macht und wir Menschen, die neu nach Deutschland kommen, dabei helfen müssen, hier gut anzukommen.

00:37:00: *Musik*

00:37:03: Das war „Geschichte wird gemacht“. Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Und wenn euch unser Podcast gefällt, freuen wir uns über eine Bewertung. „Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host: Maria Popov. Redaktion: Katharina Alexander für hauseins und Dieter Purgin für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal.

00:37:35: *Musik*

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.