Uns reicht‘s! Der 8. März als feministischer Kampf- und Streiktag
Shownotes
1911, vor über 100 Jahren, wurde der internationale Frauentag zum ersten Mal gefeiert. Damals ging es vor allem um das Frauenwahlrecht, heute protestieren Menschen auf der ganzen Welt am 8. März für besseren Schutz vor Gewalt, den sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen und die Sicherung der Rechte queerer Menschen.
Wir schauen uns in dieser Folge die lange Tradition des feministischen Kampftags an. Außerdem schauen wir auf Frauenstreiks in Island, der Schweiz und auf den FrauenStreikTag am 8. März 1994 in Deutschland.
Die Historikerin und Soziologin Gisela Notz war damals vor Ort und berichtet davon, wie über eine Millionen Menschen auf die Straße gingen. Ähnliches erhofft sich auch Isabelle Emig. Sie ist bei der Initiative Enough! aktiv, die am 9. März 2026 einen globalen Frauenstreik organisiert. Und wir hören Laura Rauschnick von dem DGB-Projekt „Was verdient die Frau? Mehr Geld, Zeit & Resepekt“ darüber, welche Bedeutung der 8. März für sie als feministisches Gewerkschaftsprojekt hat.
„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.
- Host: Katharina Alexander
- Redaktion für Hauseins: Katharina Alexander
- Redaktion Hans-Böckler-Stiftung: Dieter Pougin und Amanda Witkowski
- Produktionsleitung: Stefanie Groth
- Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald
Links und Hintergründe
- Frauenstreik-Initiative Enough!
- Hans-Böckler-Stiftung: Frauenstreik auf Island
- Hans-Böckler-Stiftung: Es gibt keinen Grund für die Rechtlosigkeit der Frauen
- Radio Corax: Frauenstreik 1994. Gisela Notz erinnert sich
- BpB-Broschüre von Gisela Notz: Der Internationale Frauentag und die Gewerkschaften
- BpB: 8. März: Internationaler Frauentag
- Dr. Elke Schüller (BpB): Clara Zetkin
- Dr. Kerstin Wolff (BpB): Der Kampf der Frauenbewegung um das Frauenwahlrecht
- Jörg Nowak (BpB): Ein bisschen verboten: Politischer Streik
- Anke Buhmann (GEW): Recht auf politischen Streik
- WDR-Doku: Island: Ein Tag ohne Frauen
- Vera Kuchler (Campact Blog Frauenstreiks): Wenn die halbe Welt stillsteht
- Ulrike Baureithel (Der Freitag): 1994 – Nie davon gehört
- DGB-Projekt: Was verdient die Frau? Mehr Geld, Zeit & Respekt
Weitere Folge Geschichte wird gemacht zum Thema
Transkript anzeigen
00:00:00: Protestrufe: Es gibt kein Recht auf Ausbeutung der Seele!
00:00:09: *Musik*
00:00:23: Katharina Alexander: Hey, ich bin Katharina und ihr hört „Geschichte wird gemacht“. Heute, an dem Tag, an dem diese Folge online geht, ist der 8. März, der Internationale Frauentag oder auch der feministische Kampftag. Deutschlandweit gibt es Demonstrationen, Kundgebungen und Proteste. Aber warum feiern wir den 8. März eigentlich? Und warum ist es gerade heute wichtig, sich für feministische Kämpfe einzusetzen? Das klären wir in dieser Folge. In diesem Jahr steht nicht nur der 8. März selber im Vordergrund, sondern auch der folgende Tag, der 9. März. Warum das so ist, darüber habe ich mit Isabelle Emig gesprochen.
00:00:57: Isabelle Emig: Ich bin Isabel Emig, ich bin 25 Jahre alt und ich bin eine von ca. 1.000 Frauen bei „Enough!“.
00:01:05: Katharina Alexander: „Enough!“ Also „Genug!“ nennt sich das internationale Netzwerk, in dem Isabelle Emig aktiv ist. Und für den 9. März dieses Jahr planen sie was ganz schön Großes!
00:01:14: Isabelle Emig: Enough oder genug oder basta ist ein globaler Frauenstreik. Das heißt, wir wollen am 9.3. unsere Arbeit verweigern und das bezieht sich in unserem Fall nicht nur auf Lohnarbeit, wie bei einem klassischen Streik, sondern ganz explizit auch auf Sorgearbeit.
00:01:31: Katharina Alexander: Inzwischen hat Enough! Regionalgruppen in ganz Deutschland, aber auch in anderen Ländern auf der ganzen Welt, in Mexiko, Island, Russland, Indien, in Indonesien, Italien, Ungarn, Österreich, Polen, der Schweiz und Frankreich, überall da sind feministische Gruppen aktiv und beteiligen sich an den Aktionen von „Enough!“. Dabei geht es weniger um konkrete gemeinsame Forderungen, sondern allgemein darum, zu zeigen: So wie es gerade läuft, geht es nicht weiter!
00:01:56: Isabelle Emig: Wir richten uns nicht gegen einen Politiker oder eine Regierung, sondern gegen eine globale Ungerechtigkeit, die wir empfinden, dass halt immer mehr Regierungen nach rechts rücken, dass es mehr Kriege gibt wieder, dass die Umwelt zerstört wird. Das empfinden wir als ein patriarchales System und wir finden, es ist Zeit, dass Frauen sagen, wir haben genug davon, wir machen das nicht mehr mit und deswegen stehen wir am 9.3. nicht zur Verfügung und verweigern uns diesem System.
00:02:22: Katharina Alexander: Der 8. März, der feministische Kampftag, ist ja ein weltweit etabliertes Datum. Ich habe Isabelle Emig gefragt, warum „Enough!“ dann seine Aktion am 9. März startet.
00:02:31: Isabelle Emig: Der 8. März ist ein Sonntag, und Streiken an einem Sonntag macht nicht so viel Spaß, sondern man streikt immer eigentlich unter der Woche an klassischen Arbeitstagen und deswegen muss es der Montag sein, der 9. März.
00:02:42: Katharina Alexander: Wenn ihr unsere Folge über den Generalstreik 1920 gehört habt, denkt ihr euch jetzt vielleicht: Moment, Streiks, die sich nicht gegen Arbeitgeber*innen richten, sind doch in Deutschland gar nicht zulässig, oder?
00:02:52: *Musik*
00:02:56: Katharina Alexander: Politische Streiks sind in Deutschland erst mal nicht per se verboten. Es gab sie im Laufe der Geschichte auch immer wieder, z.B. 1996, als Helmut Kohl und seine Regierung ankündigt hatten, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu kürzen. Oder 2007 gegen die Rente mit 67. Allerdings ist es so, dass es Anfang der 1950er Jahre ein, ja man kann sagen, wegweisendes Urteil gab. Damals wollten Zeitungsbetriebe für mehr Rechte im Betriebsverfassungsgesetz und wollten deswegen streiken. Damals wurde gerichtlich festgelegt, dass Streiks sich gegen die Arbeitgeber*innen richten müssen und dass es inhaltlich um Arbeitsbedingungen gehen soll. Außerdem müssen Streiks dadurch beendet werden können, dass es zu arbeitsrechtlichen Vereinbarungen kommt. Inwieweit Streiks zulässig sind, das entscheiden in Deutschland die Arbeitsgerichte. Wenn ihr mehr darüber erfahren wollt, hört doch mal in unsere Folge zu politischen Streiks rein, die verlinken wir euch in den Shownotes. Aber zurück zu Isabelle Emig. Ich wollte von ihr wissen, wie genau „Enough!“ sich diesen feministischen Streik vorstellt.
00:03:53: Isabelle Emig: Uns ist es wichtig, dass Frauen Möglichkeiten finden, sich zu verweigern, also praktisch nicht zur Verfügung zu stehen, aber auf eine Art und Weise, die sich für sie sicher und gut anfühlt. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich in der einfachsten Form einfach an dem Tag nicht erreichbar bin. Wir kennen das ja, wir werden alle ständig genervt mit Anfragen, irgendwie noch einen Kuchen zu backen oder dies oder das oder jenes zu tun für andere Menschen. Vielleicht bist du einfach an diesem einen Tag mal nicht erreichbar für diese Anfragen.
00:04:20: Katharina Alexander: Oder man meldet eine Demo an, trifft sich zu einem feministischen Stammtisch oder verweigert die Hausarbeit.
00:04:27: Isabelle Emig: Das kann sein, eine gewerkschaftlich aktive Mittagspause zu machen, die feministisch gestaltet ist und bei der es um den Frauenstreik geht und die patriarchalen Ungerechtigkeiten, die wir gerade noch in der Gesellschaft haben.
00:04:39: Katharina Alexander: Das Ziel ist also eher, sich zusammenzutun und solidarisch miteinander zu sein, als tatsächlich bei der Arbeit zu streiken.
00:04:45: Isabelle Emig: Die wenigsten Frauen werden wahrscheinlich wirklich ihre Lohnarbeit verweigern, wie das in einem traditionellen männlichen Streikbegriff der Fall wäre, weil der politische Streik in Deutschland so schwierig ist. Genau, deswegen gibt es viele verschiedene Formen und von Picknicken zu nicht erreichbar sein, zu laut schreiend durch die Straße rennen, ist alles erlaubt.
00:05:01: Katharina Alexander: Die Bildungsgewerkschaft GEW und ver.di unterstützen die Aktion von „Enough!“ – wenn auch nicht mit einem direkten Streikaufruf.
00:05:08: Isabelle Emig: Ich selbst bin auch ver.di-Mitglied. Und ver.di hat ja auch schon zum Beispiel zum Equal Pay Day in der Vergangenheit auch schon zu richtigen Arbeitsstreiks aufgerufen, in weiblich geprägten Berufen, in der Pflege zum Beispiel. Genau, also die haben auch ein Interesse daran, dass es feministische Streiks gibt, dass man darauf hinarbeitet und gleichzeitig ist halt total klar und das verlangen wir auch von ver.di nicht, dass die sich da irgendwie in eine juristische Gefahr begeben, indem sie halt zu einem offensichtlich politischen Streik aufrufen.
00:05:41: *Musik*
00:05:42: Katharina Alexander: Es gab in der Geschichte immer wieder feministische Streiks. Einen Protest, der besonders beeindruckend ist, finde ich, den starteten Frauen in Island, und zwar im Oktober 1975. Damals haben sie ihre Arbeit niedergelegt. Und neben der Lohnarbeit ging es damals aber vor allem auch um Care-Arbeit, also um das Versorgen von Kindern, die Pflege von Angehörigen, ums Kochen, Putzen oder ums Wäsche machen. Etwa 90 % aller isländischen Frauen haben sich an diesem Frauenruhetag beteiligt. So nennen die Isländer*innen selber den Protest. Und das hat Wirkung gezeigt: Ein Jahr später hat dann das isländische Parlament ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Außerdem ist es so, dass Island seit Jahren das Land auf der Welt ist, das beim Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums am besten abschneidet. Dieser Index besagt, wie groß die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesundheit sind. Und die sind eben weltweit in Island am geringsten. Deutschland hat da letztes Jahr übrigens Platz 9 belegt. Was ich interessant fand, die Isländerinnen selbst sagen übrigens, dass es trotzdem noch einiges zu tun gibt und haben 2023 noch einmal gestreikt. Damals wollten sie vor allem ihre Wut über sexualisierte Übergriffe und Partnerschaftsgewalt ausdrücken. Und auch in der Schweiz gab es seit 1991 mehrmals Frauenstreiks, an denen sich Hunderttausende Menschen beteiligt haben. Feministische Streiks sind in der Geschichte also keine Seltenheit. Was viele heute nicht mehr wissen: Am 8. März 1994 gab es so einen Frauenstreik auch in Deutschland.
00:07:11: Gisela Notz: Angela Merkel war damals Frauenministerin, hat gesagt, das ist ja alles nur eine populistische Veranstaltung oder so. Und dann konnte sie aber runtergucken, wie ganz Berlin auf der Straße war. Da war echt was los.
00:07:27: Katharina Alexander: So erinnert sich die Soziologin und Historikerin Gisela Notz an den 8. März 1994. Sie hat den FrauenStreikTag damals mitorganisiert. Wie es dazu kam, das hört ihr gleich. Ich treffe Gisela Notz in ihrer Wohnung in Kreuzberg. Direkt hinter der Eingangstür hängt ein großes grünes Plakat, auf dem in Rot und Orange eine Zeichnung einer Frau zu sehen ist, die die Fäuste in die Luft reckt. Darüber steht: „FrauenStreikTag `94: 8. März“. Von ihrem Fenster im 6. Stock kann man über die halbe Stadt gucken. Ab und zu hört man eine S-Bahn vorbeifahren. Wir setzen uns an einen runden Tisch im Wohnzimmer, es gibt Kaffee. Und dann fängt Gisela Notz an zu erzählen.
00:08:07: Gisela Notz: Da war eine große Konferenz in Kassel, eine Frauenkonferenz von der Grünen Partei. Wir haben da auch Vorträge gehalten. Und dann gab es Arbeitsgruppen und es wurde kontrovers diskutiert.
00:08:22: Katharina Alexander: 1992 war das. Gisela Notz ist damals für ihre Forschung zu Frauen, insbesondere in der Arbeiter*innenbewegung bekannt.
00:08:29: Gisela Notz: Ich gehöre zur ersten Generation der Frauenforscherinnen.
00:08:34: Katharina Alexander: Während ihres Studiums belegt Gisela Notz ein Seminar über Diskriminierung am Arbeitsplatz, und forscht danach mehrere Jahrzehnte lang zu dem Thema, aber auch zu Feminismus und den Biografien vergessener Frauen. Deswegen wird sie 1992 auch zu dieser Frauenkonferenz der Grünen nach Kassel eingeladen. Danach sitzt sie mit vier anderen Frauen im Zug und fährt zurück nach Bonn, wo sie zu dem Zeitpunkt lebt.
00:08:55: Gisela Notz: Und dann wurde erzählt, ja bei mir in der Arbeitsgruppe, da haben die Frauen gesagt, wir müssten eigentlich streiken. Und da haben wir ein bisschen diskutiert und haben gesagt, dann machen wir das doch einfach.
00:09:09: Katharina Alexander: Die Idee für einen deutschen Frauenstreik ist geboren. Nach Vorbild der Feminist*innen aus Island und der Schweiz wollen Gisela Notz und ihre Mitstreiter*innen sich zur Wehr setzen.
00:09:18: Gisela Notz: Und dann haben wir uns tatsächlich getroffen bei mir im Wohnzimmer anfangs und haben diskutiert, was wir machen könnten.
00:09:26: Katharina Alexander: Und ihnen ist schnell klar, bis nächstes Jahr schaffen sie das nicht. Also findet ihr Streik 1994 statt. Und zwar am 8. März, dem internationalen Frauentag.
00:09:35: *Musik*
00:09:38: Katharina Alexander: Aber wie kam es eigentlich dazu, dass der 8. März zum feministischen Kampftag wurde? Dafür müssen wir in der Geschichte noch mal ein paar Jahre weiter zurückgehen.
00:09:48: Gisela Notz: 1907 hat sich in Stuttgart die Sozialistische Internationale Frauenbewegung gegründet, überhaupt erst, nachdem es schon bürgerliche Frauenverbände gegeben hat. Und sie haben halt die Erfahrung gemacht, ohne internationalen Zusammenschluss können wir unsere Forderungen nach Frauenwahlrechten, nach besseren Arbeitsbedingungen, nach gleichen Rechten und gleichen Löhnen, was ja auch schon Thema war, kommen wir damit nicht weiter.
00:10:23: Katharina Alexander: Und so kommt es im Rahmen des Internationalen Sozialistenkongress 1907 in Stuttgart dazu, dass eine erste internationale Frauenkonferenz einberufen wird. Das große Thema damals ist das Frauenwahlrecht. Und eine sehr wichtige Person, die bei dieser Konferenz dabei ist, ist Clara Zetkin. Clara Zetkin war eine der wichtigsten Stimmen der proletarischen Frauenbewegung. Anfang des 20. Jahrhunderts, in der sogenannten ersten Welle des Feminismus, unterscheidet man zwischen zwei Strömungen, der bürgerlichen und der proletarischen oder sozialistischen.
00:10:54: Gisela Notz: Frauen waren ja ohne Rechte und das haben sowohl die Bürgerlichen als auch die Sozialistinnen gefordert, also die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Nun waren aber die meisten Bürgerlichen der Meinung, dass sie die gleichen Rechte wollen wie ihre privilegierten Männer. Das heißt, nicht mal alle Männer hatten das Wahlrecht, weil diejenigen, die keinen Besitz hatten, die hatten eben auch kein Wahlrecht und je mehr jemand hatte, desto mehr Rechte hatte jemand und da wollten die Bürgerlichen ganz genau die Rechte, die ihre Männer hatten. Und das dauerte auch bis zuletzt eigentlich, bis wirklich die dann die Forderungen der Sozialistinnen unterstützt haben: Wahlrecht für alle, egal welches Geschlecht und egal wo sie herkommen und wie sie aussehen.
00:11:48: Katharina Alexander: Das Wahlrecht für alle ist eine der wichtigsten Forderungen von Clara Zetkin. Sie kommt früh mit der Arbeiter*innenbewegung in Berührung und tritt 1878 in die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands ein, einen Vorläufer der SPD.
00:12:02: Gisela Notz: Also das war nicht so leicht, weil die SPD war ein Männerverein, die Sozialdemokraten und auch die Gewerkschaften waren Männervereinigungen. Und sie hat sich hauptsächlich für die Frauen eingesetzt.
00:12:16: *Musik*
00:12:17: Katharina Alexander: Als junge Frau arbeitet Clara Zetkin als Haushälterin in Österreich und in der Schweiz, später zieht sie dann nach Paris. Dort arbeitet sie als Journalistin und Übersetzerin und in der Zeit begeistert sie sich immer mehr für die Idee des Sozialismus. 1890 kehrt sie nach Deutschland zurück und wird hier zum Sprachrohr des proletarischen Feminismus'. Die Konferenz 1907 in Stuttgart ist dafür ein richtig wichtiges Fundament. Drei Jahre später, 1910, trifft sich die Internationale Frauenkonferenz dann in Kopenhagen. Es sind Sozialist*innen aus der ganzen Welt dabei. Und es ist eine neue, aufregende Idee im Raum: die eines Internationalen Frauentags. Die Idee dieses Tages geht auf die Frauenorganisation der Sozialistischen Partei aus den USA zurück, die 1908 zum ersten Mal einen sogenannten Frauentag veranstaltet hat. Bei dem stand eine „nationale sozialistische Demonstration“ für das Frauenwahlrecht im Mittelpunkt. 1910 in Kopenhagen schlägt Clara Zetkin mit der deutschen Delegation dann vor, so einen Kampftag für Frauenrechte sollten wir in allen Ländern veranstalten. 100 Frauen aus 17 Ländern stimmen für den Vorschlag und es ist klar, der Internationale Frauentag kommt. Ein Jahr später, 1911, findet er dann zum ersten Mal statt, allerdings nicht am 8. März, sondern am 19. Erst viele Jahre später, 1975, ernennt die UNO den 8. März zum Internationalen Frauentag und feministischen Kampftag. Das Datum wurde ausgewählt, weil am 8. März 1917 Frauen in Russland die Februarrevolution mit einem Streik „Für Brot und Frieden“ mitausgelöst haben. So, das waren jetzt ganz schön viele Daten und Zahlen. Wichtig ist aber, dass ihr euch merkt, ab den 1970ern wurde der Internationale Frauentag wiederentdeckt und knapp 20 Jahre später, 1992, entscheiden Gisela Notz und ihre Mitorganisator*innen des Frauenstreiks: Auch unser Protest soll am 8. März stattfinden. Von Anfang an sind auch Gewerkschafter*innen bei den Treffen dabei. Gisela Notz findet bis heute:
00:14:20: Gisela Notz: Also ohne die Gewerkschaften kann man so was nicht machen. Das ist ganz wichtig.
00:14:27: Katharina Alexander: Schließlich sind die Gewerkschaften sehr gut organisiert und können schnell viele Menschen mobilisieren. Außerdem kommen Frauen aus der Kirche dazu und aus dem Unabhängigen Frauenverband, in dem sich Frauen aus der ehemaligen DDR organisiert hatten.
00:14:38: Gisela Notz: Aber wir haben, so wie ich es in Erinnerung habe, wirklich sehr, sehr gut kooperiert, haben uns auch gegenseitig besucht und es kam auch schon mal vor, dass ich sonntags angerufen wurde, komme sofort mal da und da hin und dann sage ich, ja, ich bin aber doch in Bonn, ich bin doch gar nicht in Berlin.
00:14:58: Katharina Alexander: Und schon bald gibt es nicht nur das Streikkomitee Köln-Bonn, in dem Gisela Notz aktiv ist, sondern Streikbüros und Vernetzungszentren in ganz Deutschland.
00:15:06: Gisela Notz: Ich habe es jetzt nicht mehr gezählt, das sind zwei Seiten mit Adressen von den Vernetzungszentren, in allen Städten - auch in kleineren.
00:15:17: Katharina Alexander: Gisela Notz blättert in einer Zeitschrift, die nach dem Frauenstreik herausgegeben wurde, um die Arbeit zu dokumentieren. Über 80 Adressen stehen auf der Doppelseite, die sie mir zeigt. Von Lübeck bis Ulm, von Aachen bis Dresden sind Städte dabei. Diese Vernetzungszentren sie sind sowas wie das Herzstück des Frauenstreiks. Das Internet war Mitte der 90er für die meisten Menschen ja noch sowas wie ein neumodisches Nischenhobby. Sich in großen Gruppen und über die eigene Stadt hinaus zu organisieren, war also deutlich schwieriger als heute. Darum sind diese Vernetzungszentren so wichtig.
00:15:49: Gisela Notz: Und die haben dann in ihren Städten halt organisiert und ganz auch zugeschnitten auf die Probleme, die da sind und auf die Frauen, die da gewesen sind.
00:16:00: Katharina Alexander: Es gab damals nicht das eine politische Ziel des Frauenstreiks, ähnlich wie auch heute bei der Aktion von „Enough!“ Stattdessen haben die Organisator*innen sich regional überlegt, welches Problem sie am meisten stört. Auf dem Flugblatt, mit dem Gisela Notz und ihre Mitstreiter*innen zum Streik aufrufen, heißt es:
00:16:16: Zitat Flugblatt: Die Wiederherstellung eines großen Deutschlands findet auf Kosten von Flüchtlingen, auf Kosten der „Anderen“, der Schwachen, der Armen und auf Kosten von Frauen statt! Deswegen rufen wir auf zu einem Frauenstreik! Frauen werden die Hausarbeit niederlegen, betriebliche Aktionen bis hin zum Streik durchführen, nicht einkaufen, nicht mehr höflich lächeln, nicht nett sein, keinen Kaffee kochen und die Kinder mit den Männern auf die Arbeit geben. Auffällig und frech werden wir unsere Solidarität bekunden.
00:16:44: Katharina Alexander: Und so kommt es letztendlich auch. Auffällig und frech, laut und wütend gehen Frauen am 8. März 1994 in ganz Deutschland auf die Straße. Manche stellen die Abschaffung des Paragrafen 218 in den Fokus, der macht Schwangerschaftsabbrüche strafbar, andere protestieren für einen besseren Schutz vor Gewalt, gleichen Lohn für alle oder Parität im Bundestag. In Schwerin gibt es einen Kita-Streik, in Frankfurt verweigern Frauen unter dem Motto: „Lieber Verantwortung tragen als den Einkaufskorb“ ihre Konsumkraft und kaufen nichts mehr ein.
00:17:16: Gisela Notz: Dann haben sich Männer angeboten, sie wollten auch was machen, haben wir gesagt, gut, ihr könnt dann Kinderbetreuung machen. Dann haben Handwerker Geld gesammelt für uns. Also es war wirklich ... wir hatten auch viel Spaß dabei.
00:17:31: Katharina Alexander: Etwa eine Million Menschen gehen an diesem Tag deutschlandweit auf die Straße. Trotzdem reagiert die Politik nur sehr schwerfällig auf die Proteste. Einzelne Forderungen werden zwar im Anschluss im Bundestag diskutiert. Aber wenn wir heute mal schauen: Paragraf 218 steht heute immer noch im Strafgesetzbuch. Den Gender Pay Gap gibt es auch immer noch, auch wenn er heute kleiner ist als 1994. Und auch heute wird im Schnitt noch fast jeden Tag eine Frau von ihrem Partner oder Expartner umgebracht.
00:18:01: Gisela Notz: Die Gewalt insgesamt in der Gesellschaft nimmt ab, aber im sozialen Nahbereich nimmt sie zu.
00:18:08: Katharina Alexander: Neben Gewalt in Beziehungen macht Gisela Notz auch die Militarisierung der Gesellschaft Sorgen.
00:18:13: Gisela Notz: Ich bin heute ein bisschen resigniert. Also wenn ich eben wieder „Frauen in die Bundeswehr, das ist ein emanzipatorischer Fortschritt“, also holla, ja? Wenn niemand in die Bundeswehr muss, ist es auch Gleichberechtigung.
00:18:28: Katharina Alexander: Als ich Gisela Notz frage, ob sie für Feminist*innen, die heute für Gleichberechtigung kämpfen, einen Tipp hat, winkt sie erst mal ab.
00:18:35: Gisela Notz: Also das steht mir eigentlich nicht zu, weil ich habe das aber auch immer gesagt, ich habe keine Rezepte und es muss ja von den Frauen selber kommen.
00:18:43: Katharina Alexander: Nach kurzem Überlegen fällt ihr dann aber doch noch was ein:
00:18:46: Gisela Notz: Da würde ich mir schon wünschen, dass alle die, die mit dem, so wie es jetzt läuft, nicht einverstanden sind, dass die sich besser bündeln und verbinden können und ja auch eine Gegenmacht entwickeln können.
00:19:01: *Musik* Katharina Alexander: Eine Gegenmacht entwickeln, dafür ist es wichtig, sich zu vernetzen, einander zuzuhören und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Eine, die das macht, ist Laura Rauschnick.
00:19:10: Laura Rauschnick: Also eigentlich denke ich ja, jeder Tag sollte Frauentag sein. Natürlich ist es für mich ein Kampftag und natürlich finde ich es superwichtig, an dem Tag auf die Straße zu gehen, aber ich habe das Gefühl, dass es halt für viele dann immer nur so einmal im Jahr ist.
00:19:26: Katharina Alexander: Laura Rauschnick arbeitet in der Abteilung für Frauen-, Gleichstellungs- und Familienpolitik im Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
00:19:32: Laura Rauschnick: Ich bin die Leiterin des Projekts „Was verdient die Frau? Mehr Geld, Zeit und Respekt“.
00:19:38: Katharina Alexander: In ihrer Arbeit setzt sie sich damit auseinander, wie man junge Frauen dabei unterstützen kann, sich in der Arbeitswelt zurechtzufinden und finanziell unabhängig zu werden.
00:19:45: Laura Rauschnick: Das heißt, wir versuchen vor allem die Zielgruppe von jungen Frauen zu sensibilisieren rund um das Thema: Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Was für Hürden gibt es so auf dem Arbeitsmarkt? Was sind die Gefahren in den verschiedenen Lebensphasen, die Frauen erwarten? Wo werden sie auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt? Und was kann man sozusagen tun, um dem vorzubeugen?
00:20:11: Katharina Alexander: Dabei ist Laura Rauschnick und ihren Kolleginnen wichtig, nicht nur individuelle Tipps zu geben, sondern auch auf das System zu schauen, dass die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt mitträgt.
00:20:20: Laura Rauschnick: Da ist sozusagen unser Ansatz eben auch, in Betriebe zu gehen, dafür zu sensibilisieren, was man im Betrieb an Gleichstellungsmaßnahmen umsetzen kann und aber eben auch weiterzugeben, was politische Rahmenbedingungen wären, die umgesetzt werden müssen, um Gleichstellung voranzutreiben.
00:20:38: Katharina Alexander: Inzwischen gibt es in 20 deutschen Städten sogenannte Banden, in denen sich die Berufseinsteiger*innen miteinander vernetzen können. Mit ihnen organisiert das Team von „Was verdient die Frau“ am 8. März verschiedene Aktionen.
00:20:49: Laura Rauschnick: Wir sind ja auch Teil unserer Berliner Bande. Und da machen wir das zum Beispiel immer so, dass wir uns vorher treffen und zusammen Schilder malen für die Demo am 8. März und dann zusammen auf die Demo gehen.
00:21:01: Katharina Alexander: Ähnliche Aktionen gibt es auch in vielen anderen Städten. Obwohl Laura Rauschnick weiß, welche Bedeutung der 8. März historisch für die feministische Bewegung hat, ist sie manchmal auch irritiert von den Anfragen, die sie für diesen Tag bekommt.
00:21:13: Laura Rauschnick: Wir sind ja auch viel mit Vorträgen und Workshops unterwegs. Und ganz viele kommen um den 8. März rum. Die Hälfte davon müssen wir auch immer absagen, weil wir halt nicht alles schaffen. Und ich finde das immer so schade, weil ich dann zum Beispiel eben von einem Betrieb eine Anfrage bekomme und dann sage ich, hey, nee, wir haben schon zu viel um den Tag. Und dann sind sie: Ah ja, okay, dann versuchen wir es vielleicht nächstes Jahr noch mal. Und ich denke mir halt so: Nee, ihr könnt mich auch im Juni anfragen. Ich kann an jedem anderen Tag im Jahr zu euch kommen. Also das Thema ist ja dann nicht plötzlich nicht mehr relevant.
00:21:46: Katharina Alexander: Auch Aktionen wie der feministische Streik von „Enough!“, den Isabelle Emig am Anfang dieser Folge vorgestellt hat, findet Laura Rauschnick erst mal prinzipiell gut. Auch wenn „Was verdient die Frau“ als DGB-Projekt nicht zu einem politischen Streik aufrufen würde.
00:21:59: Laura Rauschnick: Ich unterstütze das ja natürlich sowieso immer, wenn es irgendwie politische Aktionen zu dem Thema gibt und tatsächlich ist es ja auch eher so gedacht, dass nicht direkt zum Streik aufgerufen wird, sondern eher zu politischen Aktionen rund um den Tag herum, und das unterstützen wir natürlich.
00:22:16: *Musik*
00:22:19: Katharina Alexander: Angestoßen von Clara Zetkin und der Internationalen Frauenbewegung feiern wir seit über 100 Jahren auf der ganzen Welt den feministischen Kampftag. Die feministische Bewegung war dabei von Anfang an eng mit der Arbeiter*innenbewegung und mit gewerkschaftlich organisierten Menschen verbunden. Und auch heute steht der 8. März symbolisch für all die feministischen Kämpfe, die in Deutschland und auf der ganzen Welt gekämpft werden: Der Kampf um den sicheren und legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, um finanzielle Sicherheit und gegen Gewalt und Diskriminierung. Für eine faire Aufteilung von Sorgearbeit, Kinderbetreuung und Pflege. Für die angemessene und gerechte Bezahlung von Care-Berufen. Für den Schutz der Rechte von Transmenschen und eine gesicherte Gesundheitsversorgung für sie. Ich könnte hier noch eine ganze Weile so weitermachen. Aber ich glaube, ihr merkt schon, es lohnt sich, am 8. März auf die Straße zu gehen und laut zu sein.
00:23:08: *Musik*
00:23:12: Das war „Geschichte wird gemacht“. Abonniert den Podcast, um keine Folge mehr zu verpassen. Und wenn euch unser Podcast gefällt, dann freuen wir uns über eine Bewertung. „Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host: Katharina Alexander. Die Redaktion habe ich für Hauseins übernommen und Dieter Pougin und Amanda Witkowski für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal.
00:23:40: *Musik*
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