Von blutigen Aufständen bis Demo-Raves: Der 1. Mai als Feier- und Kampftag

Shownotes

Im Zuge der Proteste von zehntausenden Menschen in Chicago auf dem Haymarket am 1. Mai 1886 für die Einführung des 8-Stunden-Tages kam es zu Polizeigewalt, zwei Menschen wurden erschossen. Ein Unbekannter zündete eine Bombe. Acht Gewerkschafter wurden daraufhin festgenommen und zum Tode verurteilt. In dieser Folge erzählen wir ihre Geschichte.

Historiker Michael Schneider erklärt, wie es zu den gewaltvollen Auseinandersetzungen auf dem Haymarket kam und wie die internationale Arbeiter*innenklasse darauf reagierte. Außerdem geht es um die Einführung des 1. Mais als internationaler Kampftag, um den Blutmai 1929 und die Frage, wie die Nazis versuchten, sich diesen Tag zu eigen zu machen.

Heute wird in Gewerkschaften oft diskutiert, ob der 1. Mai eher als Feier- oder als Kampftag gesehen wird. Mit Sasha König von der ver.di Jugend Berlin und Ronja Matthes von der IG Metall Jugend aus Dresden sprechen wir darüber, welche Bedeutung der 1. Mai für sie hat und was sie mit ihren Gewerklschaften in diesem Jahr planen.

„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.   

  • Host: Maria Popov
  • Redaktion: Katharina Alexander für Hauseins und Amanda Witkowski für die Hans Böckler Stiftung.   
  • Produktionsleitung: Stefanie Groth  
  • Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald   

Links und Hintergründe

DGB: Tag der Arbeit: Geschichte des 1. MaiTaz: Massaker am Haymarket 1886. Die tragische Geburt des 1. Mai Ver.di: Zur Geschichte des 1. MaiFES-Schrift: Dan Gallin, “Erster Mai, der Ursprung”, 1986The Anarchists and the Haymarket Square IncidentLucy E. Parsons: The Famous Speeches of the Eight Chicago Anarchists in CourtNewsletter Trace your Past: Haymarket Square RiotSpiegel: „Blutmai im Wedding“Podcast Bundesfachstelle Linke Militanz: Der 1. Mai aus der Sicht des DGB

Weitere Folge „Geschichte wird gemacht“ zum Thema – Über 100 Jahre Acht-Stunden-Tag – Wird’s Zeit für weniger Arbeit? Nie wieder ist jetzt: Warum Gewerkschaften die Demokratie mit aller Kraft verteidigen.

Transkript anzeigen

00:00:00: Protestrufe: Es gibt kein Recht auf Ausbeutung der Seele!

00:00:10: *Musik*

00:00:24: Maria Popov: Hey, ich bin Maria und ihr hört „Geschichte wird gemacht“. Es gibt so Momente, in denen ich besonders doll merke, dass ich selbstständig bin und der Monat Mai der gehört auf jeden Fall dazu. Denn, anders als für mich, heißt es für viele meiner Freund*innen, die angestellt sind: Jackpot, ein Feiertag nach dem anderen: Da gibt es ja Himmelfahrt, Pfingstmontag und natürlich den 1. Mai.

00:00:48: Protestrufe: Heute ist Kampftag! Heute ist der kein Feiertag, heute ist? Kampftag!

00:00:55: Maria Popov: So klang das 2023 bei einer Gewerkschaftsdemo am 1. Mai in Berlin. Kampftag oder Feiertag, das ist am 1. Mai die große Frage. Denn viele nutzen den Tag, um endlich mal wegzufahren, Freund*innen zu besuchen und zu entspannen. Dabei sind die Ursprünge dieses Tages ganz schön düster und blutig. Wie es dazu kam, dass der Tag zum internationalen Feiertag wurde, was er mit Bismarcks Angst vor den Sozialdemokrat*innen und Hitlers Machtübernahme zu tun hat, das klären wir in dieser Folge.

00:01:25: *Musik*

00:01:27: Sasha König: Und dann haben wir Transparente gemalt, wir haben Schilder bemalt und sind dann zur Demonstration gegangen. Und auf einmal waren wir dann irgendwie auch in der Presse und in der Tagesschau und das war so super krass aufregend. Das Wetter war richtig, richtig schön, die Sonne hat geschienen. Also werde ich nie vergessen. War ein richtig cooles Gefühl, mit so vielen Menschen da zu demonstrieren.

00:01:45: Maria Popov: So erinnert sich Sasha König an das erste Mal, dass er bei einer 1.-Mai-Demo dabei war. Sasha ist 23 und bei der Ver.di Jugend in Berlin aktiv.

00:01:54: Sasha König: Und ich habe das Privileg, hauptamtlich Vorsitzender der Hauptjugend- und Auszubildendenvertretung für alle Behörden, Gerichte und nicht rechtsfähigen Anstalten im Land Berlin sein zu dürfen. Das ist die gesamtstädtische Interessenvertretung aller Nachwuchskräfte im Berliner öffentlichen Dienst. Und das mache ich sehr, sehr, sehr gerne.

00:02:10: Maria Popov: Sasha wird in Sachsen-Anhalt groß und hatte als Jugendlicher noch keinen richtigen Bezug zum 1. Mai.

00:02:16: Sasha König: Der 1. Mai war halt ein Feiertag. Du hast mit der Familie halt irgendwas gemacht oder bist spazieren gegangen. Also hast halt eigentlich den Tag wie jeden anderen Feiertag verbracht und wusstest, glaube ich, auch damals nicht so wirklich, für was steht denn eigentlich der 1. Mai und warum feiern wir oder warum zelebrieren wir denn eigentlich den 1. Mai, hat dir natürlich auch in der Schule beispielsweise niemand erklärt.

00:02:35: Maria Popov: Sasha macht eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten und landet so auch bei Ver.di. Ihm wird klar: Hier kann er was verändern.

00:02:43: Sasha König: Da ging es zum Beispiel darum, dass für uns unsere Übernahme nach der Ausbildung auf dem Spiel stand. Der Gewerkschaftssekretär ist dann damals zu uns in die JAV-Sitzung gekommen, hat uns genau das alles auch skizziert gehabt. Und das fand ich halt irgendwie einen richtig, richtig krassen Aha-Moment, wo ich mir dachte, das kann ja nicht wahr sein, wir reißen uns hier alle den Allerwertesten auf, dann wollen die uns nicht mal mit übernehmen und sonst wollen sie uns auch nicht super viel geben. Und fand ich einfach total spannend, dass Gewerkschaft da uns da schon irgendwie so eine Plattform gegeben hat, wo wir dem Ganzen was gegenhalten könnten.

00:03:12: Maria Popov: Ein Jahr später ist Sasha dann das erste Mal bei einer 1. Mai-Demo dabei.

00:03:17: Sasha König: Das war 2021 hier in Berlin. Ich war damals schon in der Ver.di Jugend aktiv und das waren halt meine gewerkschaftlichen Anfänge, da war das alles super krass aufregend. Und in Berlin gibt es halt meistens das Format, dass du hast eine relativ große 1.-Mai-Demonstration vom Deutschen Gewerkschaftsbund, organisiert mit den Gewerkschaften zusammen und dann gab es halt wie so eine Art Mini-Gewerkschaftsdorf, würde ich es quasi mal nennen, damals noch am Brandenburger Tor, wo dann quasi alle so verschiedene Infostände hatten. Wir waren ja alle relativ frisch aktiv gewesen und das war auch schon, also es hat sich krass verantwortungsvoll angefühlt.

00:03:47: Maria Popov: Durch die gemeinsamen Aktionen und die Arbeit bei der Ver.di Jugend, ist Sasha deutlich selbstbewusster geworden, sagt er.

00:03:53: Sasha König: Ich habe auf Großdemos vor 250.000 Menschen sprechen dürfen, gegen den Faschismus - für die Gewerkschaften. Und es ist für mich schon ein krasser Switch gewesen im Vergleich zur kleinen Maus aus Sachsen-Anhalt, die sich damals gar nicht getraut hat, den Mund aufzumachen versus jetzt so sechs, sieben Jahre später stehst du vor so einer großen Menschenmenge und kannst gemeinsam mit deinen Kolleginnen richtig, richtig, richtig viel gestalten.

00:04:13: Maria Popov: Welche Pläne Sasha dieses Jahr am 1. Mai hat, das hören wir später. Vorher schauen wir uns erst mal an, wie der 1. Mai überhaupt zum „Tag der Arbeit“ wurde. Und dafür geht es nach Chicago, ins Jahr 1886.

00:04:27: *Musik*

00:04:31: Maria Popov: 1. Mai 1886. Im Stadtzentrum von Chicago versammeln sich etwa 40.000 Arbeiter*innen. Es sind Gewerkschafter*innen, Sozialist*innen und Anarchist*innen. Und sie haben alle ein klares Ziel.

00:04:45: Michael Schneider: Dieser 1. Mai 1886 ging zurück auf die Forderung, dass doch eine Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag, bei einer sechs-Tage-Woche, die angemessene Regelarbeitszeit sein sollte.

00:04:56: Maria Popov: Das ist der Historiker Michael Schneider. Er forscht zur Geschichte der Gewerkschaften. Der Achtstundenarbeitstag, der scheint für viele heute völlig normal zu sein, aber damals war das sehr weit weg von der Realität der Menschen.

00:05:09: Michael Schneider: Gearbeitet wurde damals allerdings auch in den USA bis zu zwölf Stunden am Tag und dementsprechend deutlich über 60 Stunden in der Woche. Von daher hatte diese Achtstundenforderung, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf, eine ganz besondere utopische Wirkung.

00:05:25: Maria Popov: Vor diesem 1. Mai 1886 hatte die Arbeiter*innenbewegung in den USA schon zwei Jahre für dieses Ziel gestreikt und demonstriert. Über eine Million Menschen haben immer wieder gesagt: wir wollen weniger arbeiten!

00:05:39: Michael Schneider: Und dann im Frühjahr 1886 sollte ein großer Generalstreik in den USA dieses Ziel wirklich näher heranrücken. Dass es der 1. Mai 1886 war, lag daran, dass der 1. Mai in den USA der sogenannte Moving Day ist. Ein Tag, an dem Arbeitsverträge oder zu dem Arbeitsverträge gekündigt wurden, zu dem Umzüge zu einem neuen Arbeitsort stattgefunden haben, dass also der 1. Mai im Arbeitsleben ein herausgehobener Tag war.

00:06:13: Maria Popov: Angeführt werden die Proteste damals unter anderem von Albert und Lucy Parsons. Albert Parsons war Teil des Internationalen Arbeitervereins, einer anarchistischen Gruppe, die auf eine soziale Revolution hoffte. Die Arbeiter*innen sollten sich erheben, die herrschende Klasse stürzen und den Kapitalismus überwinden. Diese Meinung verbreitete Albert Parsons auch als Herausgeber der Zeitung „The Alarm“. Auch seine Frau Lucy Parsons war eine brennende Sozialistin und Anarchistin. Lucy Parsons wurde als Tochter einer versklavten schwarzen Frau geboren. Wie sie selbst aus der Versklavung entkommen ist, das weiß man heute nicht so genau. Als freie Frau hat sie jedenfalls Albert Parsons getroffen, ist mit ihm nach Chicago gezogen und die beiden haben zwei Kinder bekommen. Lucy Parsons hat eine genauso aktive Rolle in der sozialistisch-anarchistischen Bewegung wie ihr Mann. Sie hat Reden gehalten, Artikel geschrieben und Bücher veröffentlicht. In ihrem Text, „I am an Anarchist“, der 1886 im Kansas City Journal veröffentlicht wird, schreibt sie:

00:07:16: Lucy Parsons: Aber die rote Fahne, diese schreckliche rote Fahne – was bedeutet das? Nicht, dass die Straßen mit Blut getränkt sein sollten, sondern dass dasselbe rote Blut durch die Adern der gesamten Menschheit fließt. Es bedeutet die Brüderlichkeit der Menschen. (...) Es wird ein Ende geben für die Prostitution der Frauen, für die Sklaverei der Menschen, für den Hunger der Kinder.

00:07:39: Maria Popov: Während Lucy und Albert Parsons zusammen mit ihren Genoss*innen am 1. Mai durch die Straßen Chicagos ziehen, werden sie von fast 1.500 schwer bewaffneten Nationalgardisten kritisch beäugt. An diesem Tag bleibt es friedlich, aber das wird nicht mehr lange so bleiben.

00:07:53: Michael Schneider: Die Streikenden haben am 3., das war dann der Montag, am 3. Mai erneut auf dem Haymarket demonstriert. Da war einer der Hauptredner, August Spies, der Chefredakteur der Arbeiterzeitung in Chicago und ist für diese Achtstundenforderung eingetreten, aber es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstrierenden und der Polizei, bei der zwei Demonstranten getötet worden sind. Das hat die Stimmung angeheizt und der nächste Schritt erfolgte dann am 4. Mai 1886, wiederum tausende von Demonstranten und Demonstrantinnen auf dem Haymarket und in dieser Versammlung hat jemand, man weiß gar nicht wer, man kennt den politischen Hintergrund nicht, eine Bombe in die Menge geschmissen.

00:08:42: *spannungsvolle Musik*

00:08:46: Maria Popov: Auf der Stelle sterben zwölf Menschen: elf Demonstrierende und ein Polizist. Die Situation ist unübersichtlich, die Luft voller Rauch, Menschen schreien, der Boden ist voller Blut. Panik bricht aus.

00:08:59: Michael Schneider: Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Demonstranten und eine ungezählte Zahl von Demonstrierenden ist getötet oder verletzt worden. Die Zahl ist nicht erfasst worden.

00:09:09: Maria Popov: Wenige Tage später werden acht Männer verhaftet. Ihre Namen sind: Albert Parsons, August Spies, George Engel, Adolph Fischer, Louis Lingg, Oscar Neebe, Michael Schwab und Samuel Fielden.

00:09:26: Michael Schneider: Ihnen wurde nicht vorgeworfen, dass sie selbst die Bombe geschmissen hätten. Einige von ihnen waren auch auf dem Haymarket gar nicht anwesend, aber ihnen wurde vorgeworfen, dass sie das Gedankengut desjenigen, der die Bombe geworfen hat, vorformuliert haben und den beeinflusst haben. Man ging nämlich davon aus, es müsse sich bei dem Attentäter um einen Anarchisten handeln. Nichts ist bewiesen. Man weiß gar nicht, wer das war. Man kennt keine Motive, aber dennoch dieser Vorwurf.

00:09:55: Maria Popov: Sieben Männer werden zum Tode verurteilt. Der achte, Oscar Neebe, bittet um Gnade und bekommt 15 Jahre Gefängnis.

00:10:04: *Musik*

00:10:05: Michael Schneider: Vier Verhaftete wurden im November 1886 gehängt. August Spies, Albert Parsons, George Engel und Adolph Fischer. Und einer, Louis Lingg, der auch zum Tode verurteilt war, hat in der Haft Selbstmord begangen.

00:10:22: Maria Popov: Die zwei weiteren Männer der Gruppe haben Glück.

00:10:23: Michael Schneider: Die Todesurteile gegen Michael Schwab und Samuel Fielden wurden vom Gouverneur dann allerdings aufgehoben und per Gnadenrecht in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Sie blieben faktisch sechs Jahre in Haft und wurden dann begnadigt.

00:10:39: Maria Popov: Lucy Parsons wird trotz ihrer Aktivitäten in der anarchistischen Gruppe nicht verhaftet. Nach der Hinrichtung ihres Mannes bleibt sie weiter politisch aktiv und veröffentlicht einige Jahre später das Buch „Die berühmten Reden der acht Chicagoer Anarchisten vor Gericht“. Darin hat sie die Plädoyers der Angeklagten zusammengetragen. Im Vorwort schreibt sie:

00:10:57: Lucy Parsons: Ich habe nun das Gefühl, dass die Krönung meines langjährigen Engagements in der radikalen Bewegung vollendet ist. Es ist mir gelungen, diese letzte Botschaft von Parsons und seinen Genossen an die Öffentlichkeit zu bringen. Sollte mich der Tod nun ereilen, so habe ich das Gefühl, dass dieser letzte Dienst der radikalen Idee der nützlichste ist, den ich je geleistet habe. Denjenigen, die an dieser Arbeit mitgewirkt haben, danke ich von ganzem Herzen. Wer waren diejenigen, die mich finanziell unterstützt haben? Genau jene Gewerkschaften, die diese Männer vor 25 Jahren gegründet haben.

00:11:30: Maria Popov: Die Proteste gehen unter dem Namen Haymarket Riot in die Geschichte ein. In den Zeitungen heißt es damals „Die rote Hand der Anarchie – Ausschreitungen und Blutvergießen in den Straßen von Chicago“ oder „Die blutbefleckte Hand der Anarchie: Gestern kam es in Chicago zu neuen Ausbrüchen von Verrat; Dynamit-Teufel in Bedrängnis.“ Albert Parsons und August Spies und ihre Genossen werden in der Presse als Terroristen dargestellt. Dabei gibt es keinen nachweislichen Zusammenhang zwischen ihnen und der Person, die die Bombe gezündet hat.

00:12:01: Michael Schneider: Sie sind ja ganz deutlich Opfer eines Justizirrtums, wobei Irrtum viel zu harmlos klingt, denn es waren natürlich Vorbehalte gegen die sozialistische Bewegung, die sich da ausgedrückt haben. Und dies wiederum hat genau dazu beigetragen, diesen Ereignissen in Chicago eine weltweite Aufmerksamkeit in der Arbeiterbewegung zu verschaffen. In einem Ausmaß, wie wir es uns heute glaube ich kaum noch vorstellen können, waren Gewerkschaftspressen, Parteipressen damals weltweit orientiert.

00:12:29: Maria Popov: Und so schaut man auch in Europa voller Wut auf die Ereignisse bei den Haymarket-Aufständen.

00:12:35: Michael Schneider: Dieses Gefühl von Hilflosigkeit, von Rechtlosigkeit, von Ungerechtigkeit hatte einen enormen mobilisierenden Effekt und der ging eben gerade von diesen Haymarket-Ereignissen aus, sodass der Gründungskongress der Sozialistischen Internationale 1889 gewidmet war - auch den Opfern des Aufstandes und des Massakers auf dem Haymarket in Chicago. Und im Gedenken an die ist die Achtstundenforderung aufgenommen worden und in dem Aufruf gemündet, weltweit 1. Mai, Demonstrations- und Protesttag mit dem Ziel Erlangung des Achtstundentages.

00:13:14: *Musik*

00:13:17: Maria Popov: Und so wird der 1. Mai zu einem der wichtigsten Tage der internationalen Arbeiter*innenbewegung. Diese sogenannte Zweite Internationale 1889 war der Versuch, sozialistische und sozialdemokratische Organisationen aus der ganzen Welt besser zu vernetzen. Die Erste Internationale hatte in den 1860ern auf Anregung von Karl Marx stattgefunden. Sie hat sich aber etwa zehn Jahre später wieder aufgelöst: Die Ideen dazu, wie man eine bessere Welt gestalten könnte, waren zu unterschiedlich. 1889 wird dann ein neuer Versuch gewagt, diesmal organisiert von Friedrich Engels. Insgesamt sind Vertreter*innen aus 20 Ländern und 300 Arbeiter*innenorganisationen vor Ort. Ein Jahr später soll der 1. Mai dann zum ersten Mal mit einem großen Streik gefeiert werden.

00:14:02: Michael Schneider: Der 1. Mai 1890 wäre der erste 1. Mai gewesen, an dem eine solche Feier, ein solcher Streik hätte stattfinden sollen, nicht nur in Deutschland, sondern überall fiel der 1. Mai 1890 auf einen Donnerstag, also auf einen Werktag. Aber in Deutschland galt zu dieser Zeit das Sozialistengesetz.

00:14:19: Maria Popov: Durch das Gesetz, das von Bismarck erlassen wurde, ist die Arbeit der Gewerkschaften damals stark eingeschränkt. Gewerkschaften durften nur offiziell bestehen, wenn sie nicht politisch aktiv wurden.

00:14:29: Michael Schneider: Nun muss man sagen, die SPD hatte ja damals auch eine durchaus revolutionäre Begrifflichkeit. Also es wurde angestrebt, Veränderung der kapitalistischen Ordnung, Überwindung des Kapitalismus, Überwindung des Klassenstaats des Kaiserreichs, Einführung einer Republik. Also von daher die Befürchtungen von Großindustrie, von Großlandwirtschaft, von konservativen Politikern waren verständlich.

00:14:57: Maria Popov: Und Reichskanzler Otto von Bismarck versucht, dieser aufmüpfigen SPD auf zwei Wegen den Wind aus den Segeln zu nehmen: zum einen, indem er ihre politische Arbeit durch Gesetze und Verbote behindert, zum anderen, indem er versucht, einige ihrer Positionen zu übernehmen und so die Arbeiter*innen zu beschwichtigen.

00:15:12: Michael Schneider: Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung in einem beschränkten Ausmaß. Aber einerseits zeigte der Bismarckstaat, das Kaiserreich, seine Reformbereitschaft auch in Richtung sozialen Regelungen, andererseits aber die Repression der Sozialdemokratie, auf das sie nicht so weiter wüchse, wie das in den 70er Jahren sich gerade begann abzuzeichnen.

00:15:35: Maria Popov: Gemeint sind hier die 1870er Jahre. Und jene Sozialistengesetze, die die politische Arbeit der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften stark einschränken, die galten auch 1889 noch, als sich die Zweite Internationale auf den 1. Mai als Kampftag der internationalen Arbeiter*innenbewegung einigt.

00:15:55: Michael Schneider: Die Forderung nach dem Achtstundentag war ja keine nur tarifvertraglich zu erreichende Forderung, sondern eine gesetzliche Regelung stand da ja hinter. Und dementsprechend bestand die Gefahr, wenn die deutschen Gewerkschaften sich dafür aussprächen, einen Kampftakt für die Einführung des Achtstundentages zu befürworten oder durchzuführen, dass das eine politische Forderung ist und sie werden gleich wieder verboten. Dementsprechend ging ein Streit innerhalb der Sozialdemokratie um diese Frage, streiken wir am Donnerstag, dem 1. Mai 1890 oder verlegen wir nicht die Mai-Feier mit ihren Demonstrationen auf den ersten Sonntag nach dem 1. Mai?

00:16:30: Maria Popov: Bis auf wenige Ausnahmen wird der 1. Mai also zum ersten Mal gar nicht am 1. Mai, sondern erst drei Tage später, am 4. Mai gefeiert.

00:16:38: Michael Schneider: Also für die Gewerkschaften war es eine durchaus, ja, es war eine Zwickmühle, was sie auch machen, es war immer in einer Weise schwierig. Es war ein Abweichen von der eigenen Position. Es war ja in dem Sinne kein Kampftag mehr, wenn man ihn auf den ersten Sonntag verlegte.

00:16:53: Maria Popov: Und das beeinflusst nachhaltig, wie der 1. Mai wahrgenommen wird.

00:16:57: Michael Schneider: Viele Arbeiter mit ihren Familien haben die Kundgebung zum 1. Mai genutzt wie einen Feiertag, wie ein Frühlingsfest. Es gab Maiwanderungen, es gab Feste im Wald, es gab natürlich auch Feste auf den Marktplätzen, auf denen die Forderung nach der Einführung des Achtstundentages erhoben worden ist. Aber der Charakter war doch eher eines Freizeitereignisses und nicht eines Kampftages.

00:17:22: *Musik*

00:17:23: Maria Popov: 1918 endet der Erste Weltkrieg. In der frisch gegründeten Weimarer Republik wird endlich der Achtstundenarbeitstag eingeführt. Wie genau dieser Kampf damals ablief, dazu haben wir schon mal eine Folge gemacht, die wir in den Shownotes verlinken.

00:17:36: Michael Schneider: Der 1. Mai wurde in der Weimarer Republik feierlich begangen, immer mit dem Charakter sozialpolitische Forderungen zu erheben seitens der Gewerkschaften, aber während die Sozialdemokrat*innen und auch eben die freien Gewerkschaften ganz überwiegend diesen Tag als einen Demonstrations-, einen Kundgebungstag nutzten, aber am Sonntag haben die Kommunisten darauf bestanden, der Werktag, der 1. Mai, werde ein Aktionstag, ein Demonstrationstag.

00:18:07: Maria Popov: Es gibt also einen Kampf zwischen zwei Gruppen: Einmal den Sozialdemokrat*innen, die versuchen, ihren Protest innerhalb der gesetzlichen Vorgaben der damaligen Zeit unterzubringen. Und dann sind da noch die Kommunist*innen, die eine ganz neue gesellschaftliche Ordnung anstreben und sich gegen die Gesetze der damaligen Zeit auflehnen. Und besonders deutlich wird dieser Konflikt am 1. Mai 1929.

00:18:30: Michael Schneider: Der sozialdemokratische Polizeipräsident in Berlin, Karl Zörgiebel, hat Demonstrationen, Kundgebungen am 1. Mai verboten, weil er die Befürchtung hatte, wenn die Kommunisten da auf die Straße gehen, kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen.

00:18:45: Maria Popov: Dieses Verbot ist für die Kommunist*innen eine echte Provokation. Keine Versammlungen am ersten Mai? Auf gar keinen Fall! In ganz Berlin, aber vor allem in Neukölln und im Wedding, kommt es zu Demonstrationen.

00:18:57: *Musik Roter Wedding*

00:18:59: Lied: Roter Wedding grüßt euch, Genossen, Haltet die Fäuste bereit!

00:19:05: Michael Schneider: Die Kommunisten haben dennoch in Berlin demonstriert, ihre Kundgebungen abgehalten. Im Verlauf dieser Demonstrationen kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, schließlich zu einer Schießerei, bei der 28 Menschen getötet worden sind, darunter eben auch völlig Unbeteiligte an der Demonstration.

00:19:27: Maria Popov: Die Polizei geht gewaltsam gegen die Demonstrierenden vor: 28 Menschen sterben, über 200 werden verletzt. Im Herbst 1929 untersucht die Deutsche Liga für Menschenrechte den Vorfall und unterstellt Polizeipräsident Zörgiebel und der gesamten Berliner Polizei eine „Bürgerkriegspsychose“. Man habe die Polizisten vor den Demonstrationen extrem angestachelt und die Gewalt gegen Demonstrierende und Unbeteiligte provoziert.

00:19:54: Michael Schneider: Der Tag ging also als der Blutmai in die Geschichte der Arbeiterbewegung ein und hat mit dazu beigetragen, diese Kluft zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten noch weiter zu vertiefen.

00:20:05: Maria Popov: Anstatt sich gegen Hitler und die NSDAP zu verbünden, kommt es nach dem Blutmai endgültig zum Bruch zwischen den Kommunist*innen und den Sozialdemokrat*innen. Die Sozialdemokrat*innen empfinden die Kommunist*innen als zu radikal und gewaltbereit. Die Kommunist*innen, die auf die Revolution hoffen, werfen der SPD wiederum vor, die Arbeiter*innen zu verraten. Denn der sozialdemokratische Ansatz unterstützt aus ihrer Sicht den Kapitalismus. Während diese beiden Lager einander politisch bekämpfen, gewinnt eine andere Partei mehr und mehr an Zuspruch in der Bevölkerung...

00:20:39: *Musik*

00:20:42: Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichspräsidenten ernannt. Es kommt zur Machtübergabe an die Nazis, die Deutschland in wenigen Wochen zu einer Diktatur umbauen. Und auch in dieser Zeit hat der 1. Mai eine besondere politische Bedeutung.

00:20:58: Michael Schneider: Ein wirklicher gesetzlicher Feiertag wurde er erst mit dem 1. Mai 1933, als die Nationalsozialisten im April 1933 die gesetzliche Einführung eines Tages der nationalen Arbeit beschlossen haben.

00:21:11: Maria Popov: Nach Jahrzehnten, in denen die Arbeiter*innenbewegung um den 1. Mai als Kampftag ringt, machen die Nazis sich diesen Tag einfach zu eigen. Wie genau das ablief, darüber haben wir in der Folge „Nie wieder ist jetzt“ ausführlich gesprochen. In der hat Michael Schneider die Situation damals so zusammengefasst:

00:21:27: *Marschmusik*

00:21:29: Michael Schneider: Der 1. Mai ist also ein Entgegenkommen an die Arbeiterschaft. Es gehört mit zu der Propagandastrategie, zu unterscheiden zwischen den Gewerkschaftsführern, die waren nach Ansicht der nationalsozialistischen Propaganda korrupt, Verräter, haben ihre Arbeiter in völlig unnötige Klassenkämpfe, in die Spaltung der deutschen Gesellschaft geführt. Die Arbeiter und auch die Gewerkschaftsmitglieder, die wurden umworben, sie seien die Träger des deutschen Geistes, der deutschen Kraft. Und die müssten einen standesgemäßen Platz in dieser neuen deutschen Gesellschaft finden und ihnen schenkt der Führer diesen Tag, diesen Feiertag der nationalen Arbeit, an dem sie alle als wertvolles Gut, als geschätzte Teilnehmer dieser neuen nationalsozialistischen Volksgemeinschaft geehrt werden.

00:22:19: Maria Popov: Die ganze Folge verlinken wir euch natürlich auch in den Shownotes. Am 1. Mai 1933 werden die Arbeiter*innen also noch von den Nazis umworben. Einen Tag später zerschlagen sie dann die Gewerkschaften und machen die gewerkschaftliche Arbeit für viele Jahre unmöglich.

00:22:35: *Musik*

00:22:38: 1945 endet die schreckliche Herrschaft der Nazis. Doch eine Tradition bleibt bestehen.

00:22:44: Michael Schneider: Der 1. Mai als Feiertag hat in der Tat überlebt und es gehört zu den aus meiner Sicht ja verblüffenden Ereignissen, dass die Alliierten diesen 1. Mai 1946 bereits als gesetzlichen Feiertag wieder in Kraft gesetzt haben.

00:22:59: Maria Popov: Auch in der DDR wird der 1. Mai zum Feiertag.

00:23:03: Michael Schneider: Im Osten steht der 1. Mai als Feiertag, also in der SBZ und späteren DDR steht er in der Verfassung als ein Feiertag, als ein Protest- und Demonstrationstag. Aber sehr bald zeigte sich ein deutlicher Unterschied in den Veranstaltungen, im Osten dominierte die zentrale Veranstaltung, die von der SED bestimmt war. Der Charakter der Feiern war ein Demonstrationszug vorbei am Parteivorstand, an dem FDGB-Vorstand. Und ab 1956 nach Moskauer Muster eine Demonstration, bei der zunächst einmal die Waffenkraft gezeigt wurde, also Waffen, Soldaten, mit ihren neuesten Ausrüstungen zogen an dieser Tribüne vorbei und dann das lachende, fröhliche Volk der DDR.

00:23:54: Maria Popov: Und auf der anderen Seite der Mauer, in der Bundesrepublik, wie entwickelte sich der 1. Mai dort?

00:23:59: Michael Schneider: Der 1. Mai stand immer im Zeichen zentral vorgegebener, vom Bundesvorstand des DGB vorgegebener Ziele. Am 1. Mai 1956 lautete die Forderung, samstags gehört Vati mir, also es war die Einführung der 40-Stunden-Woche, samstags als arbeitsfreier Tag. 1957 war die Teilung Deutschlands, die Überwindung der Teilung Deutschlands, der Wunsch nach einer gewaltlosen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten das Zentrum. 1981 das Thema Mitbestimmung, 1989 für ein soziales Europa. So zieht es sich durch, immer zentrale Forderungen.

00:24:35: Maria Popov: 2026 lautet das DGB-Motto für den 1. Mai übrigens: „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“. Parallel zu den großen, offiziellen Demos der Gewerkschaften, entwickeln sich auch andere Traditionen am 1. Mai.

00:24:49: Michael Schneider: Nicht vergessen sei, dass es eben auch sehr viel aktionsgeladener, sehr viel gewaltbereiter auch Maikundgebungen gibt.

00:24:57: Maria Popov: Michael Schneider spricht hier von linken Demos am 1. Mai in Städten wie Berlin, Leipzig oder Hamburg. Dort kommt es ab den 1980er Jahren immer wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Polizeikräften und Demonstrierenden. Auch nach der Wiedervereinigung bleibt der 1. Mai Feiertag. Einerseits könnte man sagen: Durch die Anerkennung als gesetzlicher Feiertag werden die vergangenen Kämpfe der Arbeiter*innenbewegung geehrt. Viele Menschen, die angestellt sind, haben dadurch einen Tag mehr, um sich von der Arbeit auszuruhen. Andererseits haben Demonstrationen oder Streiks an Feiertagen natürlich weniger Schlagkraft. Historiker Michael Schneider sieht das so:

00:25:34: Michael Schneider: Für breiteste Kreise der Bevölkerung ist der 1. Mai ein Feiertag, an dem man einen Ausflug mit der Familie macht, an dem man sich freut, wenn schönes Wetter ist. Aber nun könnte sich ja die Frage erheben, ist er deswegen überflüssig geworden? Und da neige ich zu der Ansicht, recht eigentlich nicht. Denn der 1. Mai ist einer der wenigen Tage, an dem Gewerkschaften nicht nur ihre Mitglieder, sondern darüber hinaus ja breite Kreise der Bevölkerung, medienwirksam überhaupt erreichen. Gewerkschaften zeigen eben mit diesem 1. Mai und den Kundgebungen mit der zentralen, aber eben auch mit denen in einzelnen Orten, ganz deutlich, dass es doch noch so etwas gibt wie einen Lebenszusammenhang in der Gewerkschaftsmitgliedschaft, dass man an gewerkschaftlichem Leben mit seiner Familie teilnehmen kann.

00:26:21: *Musik*

00:26:22: ,888 Maria Popov: Ihr habt es eben schon gehört: In diesem Jahr wird die 1.-Mai-Demo des DGB unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ laufen. Denn die Gewerkschaften beobachten mit Sorge, wie sich die öffentliche Debatte um Arbeitnehmer*innenrechte gerade verschiebt.

00:26:36: Friedrich Merz: Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten. Und deswegen müssen wir mehr arbeiten!

00:26:47: Maria Popov: Das behauptete Bundeskanzler Friedrich Merz dieses Jahr im Januar beim CDU-Wirtschaftstag. Außerdem will der Wirtschaftsflügel der Partei das Recht auf Teilzeit einschränken. Und das macht viele Menschen sauer, zum Beispiel auch Ronja Matthes von der IG Metall Jugend aus Dresden.

00:27:02: Ronja Matthes: Wenn man dann sagt, hey, dann möchte ich Teilzeit machen, weil ich sonst hier krachen gehe, dann ist das absolut valide. Und ich finde es extrem wichtig, dass man selbstbestimmt arbeiten kann, weil sonst sind wir, naja, weit weg von der Freiheit, die ich in der Schule gelernt habe, die wir haben.

00:27:21: Maria Popov: Ronja ist 23 und über ihre Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin bei VW zur IG Metall Jugend gekommen. Dort ist sie unter anderem im Orts- und Bundesjugendausschuss aktiv. Sie freut sich schon auf den 1. Mai.

00:27:33: Ronja Matthes: Das ist zu einem Tag geworden, den ich mit Freunden auf der Demo verbringe, an dem ich viele Leute anspreche und sage, hey, Gewerkschaft ist cool, organisiert euch.

00:27:51: Maria Popov: Aus ihrer Familie kennt Ronja den Tag eher als klassischen Feiertag.

00:27:54: Ronja Matthes: Früher war das so ein Ding von, boah cool, das ist ein Tag, wo die ganze Familie zu Hause war und es ist ja so Anfang Sommer und da konnte man den ganzen Tag was eben mit der Familie gemeinsam draußen machen. Mittlerweile ist es zu einem Tag des Aktivismus für mich geworden.

00:28:13: Maria Popov: Und sie weiß schon genau, wie sie ihn dieses Jahr verbringen wird.

00:28:17: Ronja Matthes: Ich werde vermutlich mit ein paar Kopfschmerzen von der Vorabendveranstaltung aufwachen. Wir machen Tanz in den Mai, so eine Clubveranstaltung, die der DGB organisiert bei uns in Dresden. Genau, dann werde ich das Banner einsacken, was wir als Ortsgruppe gemalt, beschrieben haben. Und dann gehe ich zur 1.-Mai-Demo, laufe dort meine Runde. Und dann werde ich am Schlossplatz stehen und Leuten erzählen, wie cool Gewerkschaft ist.

00:28:46: Maria Popov: Neben den politischen Angriffen auf die Arbeitnehmer*innenrechte sind Ronja noch zwei weitere Themen wichtig.

00:28:52: Ronja Matthes: Für mich ist dieses ganze Thema Frauen in technischen Berufen, Frauen in der Arbeit super wichtig, super spannend, auch in der Gremienarbeit, die ich mache. Viel davon ist, weil ich sage, naja, wenn ich mit 16 Jahren eine starke Frau gesehen hätte, dann hätte ich es einfacher gehabt, in die Spuren zu treten, in denen ich jetzt drinne bin. Und natürlich für uns als Ortsgruppe, für uns als Bezirk, ist der ganze Rechtsruck, diese Meinungsverschiebung ein gigantisches Thema. Und wir sind jetzt gerade in einem Prozess, dass wir uns stärker positionieren. Und das wird sich auch am 1. Mai niederschlagen.

00:29:43: Maria Popov: Auch Sasha, den ihr am Anfang dieser Folge gehört hat, hat schon konkrete Pläne für den 1. Mai.

00:29:48: Sasha König: Wir knüpfen an unseren richtig geilen 1. Mai vom letztem Jahr an. Und das war so eine extrem krasse Stimmung gewesen. Du hältst eine richtig geile Rede für so gute Themen, für bessere Arbeitsbedingungen. Im Hintergrund laufen Techno-Beats. Die Sonne hat geschienen und alle hatten einfach so eine krass gute Laune und sind in den 1. Mai für eine gute Sache geraved.

00:30:09: Maria Popov: Zum Ende wollten wir noch von Ronja und Sasha wissen, ob der 1. Mai für sie eher ein Feier- oder ein Kampftag ist.

00:30:16: Ronja Matthes: Es war früher ein Feiertag, jetzt ist es ein Kampftag. Und je tiefer ich dort reingehe, desto mehr ist es ein Kampftag.

00:30:24: Sasha König: Wir haben ja gerade 20 Jahre Hannah-Montana-Jubiläum und wir sagen es mal damit, „Best of Both Worlds“ auf jeden Fall an der Stelle. Wir haben alle frei. Das ist auch vollkommen fair und auch vollkommen schön, dass wir auch frei haben, uns aber währenddessen wir frei haben auf jeden Fall auch darauf besinnen, warum stehen wir eigentlich hier? Warum haben wir heute eigentlich frei?

00:30:40: *Musik*

00:30:44: Maria Popov: Vor etwa 150 Jahre sind Menschen bei den Haymarket-Aufständen ums Leben gekommen, acht Männer aus der Arbeiter*innenbewegung wurden im Anschluss als Sündenböcke verurteilt und vier von ihnen hingerichtet. Ihr Mut und ihr Einsatz für eine gerechtere Welt waren die Inspiration, die dazu führte, dass der 1. Mai zum internationalen Kampftag der Arbeiter*innen wurde. Über die Jahre war der Tag immer wieder politisch umkämpft: Im Kaiserreich waren Versammlungen am 1. Mai noch verboten. Auch 1929 wurden Demonstrierende und Unbeteiligte von der Berliner Polizei verletzt und ermordet. Die Nazis versuchten, den Tag für sich zu vereinnahmen, später, in der DDR, diente er dazu, bei Militärparaden die eigene Stärke zu inszenieren. Gleichzeitig gibt es trotz einer politischen Geschichte auch heute immer noch eine Diskussion darüber, ob der 1. Mai eher als Feiertag oder als Kampftag angesehen werden sollte. Was meint ihr denn dazu? Schreibt uns mal eure Meinung in die Kommentare. Und falls ihr nach dieser Folge Lust habt, selbst aktiv zu werden, fragt doch mal bei den Gewerkschaften in euren Städten nach, was sie für den 1. Mai planen. Wir sehen uns dann auf der Straße!

00:31:55: *Musik*

00:31:58: Das war „Geschichte wird gemacht“. Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Und wenn er auch gefällt, dann freuen wir uns über eine Bewertung. „Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host, Maria Popov. Redaktion: Katharina Alexander für Hauseins und Amanda Witkowski für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal!

00:32:26: *Musik*

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