Frauen im Streik: „Migrantische Frauen und deutsche Frauen, wir haben alle zusammengehalten!“
Shownotes
Kita-Streiks, die Streiks der Krankenhaushausbewegung oder in der Pflege: Im Moment werden viele Streikbewegungen von Frauen angeführt. Auch wenn diese Dominanz von Frauen bei Streiks eine neuere Entwicklung ist, waren Frauen schon immer Teil der Arbeitskämpfe – auch, wenn die Gewerkschaften erst ab den 70er Jahren verstanden, wie wichtig es war, Themen wie Gleichberechtigung in den Fokus zu nehmen.
In dieser Folge sprechen wir mit Irina Vavitsa, die als sogenannte Gastarbeiterin nach Deutschland kam und 1973 einen wilden Streik in ihrem Betrieb mit organisierte. Und wir hören Vida Otzik, Mitarbeiterin des Charité Facility Managements, die dieses Jahr mit der Krankenhausbewegung für die Bezahlung nach Tarifvertrag streikte. Außerdem erklärt Soziologin Ingrid Artus, wieso es seit den 90er-Jahren zu einer Feminisierung von Streiks kam. Und Alexa Wolfstädter von Ver.di Frauen berichtet, wie Frauen heute die Arbeit in den Gewerkschaften maßgeblich prägen.
Danke an Labournet TV für die Bereitstellung des Archivmaterials. Labournet TV ist unabhängig und dokumentiert Streiks aus der Perspektive von Arbeiter*innen. Im Moment ist das Projekt wegen Unterfinanzierung in seiner Existenz bedroht. Wenn ihr helfen wollt, findet ihr hier mehr Informationen.
„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Host: Maria Popov Redaktion: Katharina Alexander für Hauseins und Dieter Pougin für die Hans Böckler Stiftung Produktionsleitung: Stefanie Groth Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald
Links und Hintergründe
Ver.di: Kampf um Gleichbehandlung: CFM-Beschäftigte erfolgreich
Dissens Podcast: 48 Tage Streik: Der gewonnene Arbeitskampf der Berliner Krankenhausbewegung
Geschichte der kommenden Welten Podcast: Wilder Streik migrantischer Frauen 1973
APuZ: Frauen im Streik. Zur Feminisierung von Arbeitskämpfen (von Ingrid Artus)
Unsere Podcast-Empfehlung: Lila Podcast. Feminismus für alle
Weitere Folgen "Geschichte wird gemacht" zum Thema
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Über 100 Jahre Acht-Stunden-Tag – Wird’s Zeit für weniger Arbeit?
Die Vergessenen – Wie Vertragsarbeiter*innen in der Wendezeit im Stich gelassen wurden
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00:00:00: Protestrufe: Es gibt kein Recht auf Ausbeutung der Seele!
00:00:08: *Musik*
00:00:23: Maria Popov: Hey, ich bin Maria und ihr hört, "Geschichte wird gemacht".
00:00:28: O-Ton Charité: Ich arbeite in der Charité. Rücken tut weh, aber Taschen leer.
00:00:33: Protestruf: Katastrophe!
00:00:36: O-Ton Charité: Ich schneide Tomaten wie die anderen Kolleginnen, und wir kriegen 700 Euro weniger.
00:00:39: Protestruf: Katastrophe!
00:00:41: O-Ton Charité: Seit drei Jahren bin ich nicht mit meinen Kindern in den Urlaub gegangen, weil kein Geld.
00:00:48: Protestruf: Katastrophe!
00:00:50: Maria Popov: Diese Aussagen aus einem Video der Berliner Krankenhausbewegung gingen im April 2025 viral. Fast zwei Millionen Mal wurde das Video auf Instagram angeschaut. Vielleicht habt ihr es ja auch schon gesehen. In dem Video sieht man eine große Gruppe – überwiegend Frauen – in gelben Warnwesten vor dem Berliner Krankenhaus Charité stehen. Die Charité ist weltweit bekannt, und gehört zu den Top zehn der besten Krankenhäuser der Welt. Über die Arbeitsbedingungen kann man das aber leider nicht sagen.
00:01:21: Vida Otzik: Wir waren alle sauer, wir waren alle wütend, weil wir arbeiten so viel und verdienen wenig. Und die Kosten sind gestiegen und dann auch, es heißt ja auch: gleiche Arbeit, gleicher Lohn für alle. Und die Kollegen, die bei der Charité sind, die arbeiten genauso wie wir und verdienen aber meistens auch viel mehr.
00:01:45: Maria Popov: Das ist Vida Otzik. Sie arbeitet beim Charité Facility Management, kurz CFM, einer Tochterfirma der Charité. Dort arbeiten zum Beispiel Köch*innen, Handerwerker*innen oder Logistiker*innen. Wer bei CFM angestellt ist, bekam lange Zeit für die gleiche Arbeit bis zu 20 Prozent weniger Lohn als Kolleg*innen, die direkt beim Krankenhaus beschäftigt waren. Total ungerecht, oder?! 20 Jahre lang haben Angestellte der CFM mit Unterstützung von ver.di immer wieder darum gekämpft, endlich nach Tarifvertrag bezahlt zu werden. Lange Zeit erfolglos. Bis zum Frühjahr 2025.
00:02:26: Vida Otzik: Mein Kollege, der hat mir einmal mitgeteilt, wir streiken bald. Du kannst jetzt langsam bei ver.di beitreten. Ich hatte ja dann halt Kontakt mit ver.di aufgenommen und habe meine Kolleginnen und Kollegen gefragt, ob die dann streiken wollen. Und die sagten dann ja. Und so wusste ich ganz genau, okay, das geht jetzt los und ich mache da mit. Auf jeden Fall, ich bin dabei. Und so wurde mein Rücken halt gestärkt durch die Kolleginnen und Kollegen.
00:02:57: Maria Popov: Für Vida Otzik ist es damals ein riesiger Schritt. Sie war noch nie bei einem Streik dabei. Als bei CFM einige Jahre davor gestreikt wird, ist sie noch in der Probezeit und traut sich nicht, sich dem Streik anzuschließen.
00:03:10: Vida Otzik: Und das hat mir schon leidgetan für meine Kolleginnen und Kollegen, die haben gestreikt und ich war arbeiten, weil ich einfach nur zu viel Angst hatte in der Zeit und dann habe ich aber gesagt, okay, beim nächsten Mal hole ich das alles nach. Und ich werde dann doppelt streiken.
00:03:30: Maria Popov: Wenn sie an den ersten Streiktag denkt, bekommt Vida Otzik heute noch richtig Gänsehaut.
00:03:36: Vida Otzik: Ich habe jetzt schon Herzrasen. Das war sehr, sehr, sehr aufregend. So genau der Anfang, das war so, wir mussten alles organisieren. Es lief alles erst mal heimlich nach Feierabend. Und ich habe mich auch als Bereichsdelegierte gemeldet. Das heißt, dann habe ich auch die Kolleginnen und Kollegen angesprochen und gefragt, wer macht mit, um zu testen, wie viele wir dabei sind. Und zum Schluss waren wir tatsächlich über 50 Prozent organisiert.
00:04:12: Maria Popov: In den Monaten davor gab es schon einige Warnstreiks, auf die der Arbeitgeber aber nicht reagierte. Und so legen die Mitarbeiter*innen bei CFM im April 2025 ihre Arbeit nieder. Streik heißt aber nicht, dass man die Hände in den Schoß legt und erst mal nichts mehr zu tun hat. Ganz im Gegenteil.
00:04:30: Vida Otzik: Wir haben Leute angesprochen, Kolleginnen und Kollegen. Wir haben mehrmals alles erklärt, um was es geht, wie viel wir verdienen können, was wir erreichen können. Und haben dann durch die Erklärungen noch immer mehr Kolleginnen und Kollegen dazugewonnen. Und die haben auch gesagt: „Ja, wir machen mit.“ Und dann kamen sie zum Schluss auch von alleine zu uns und haben uns gefragt und angesprochen, ob die mitmachen können. Die möchten gerne bei ver.di beitreten. Die wollen auch streiken. Weil das hat sich herumgesprochen, dass ver.di halt uns hilft.
00:05:09: Maria Popov: Vida Otzik erzählt, dass die Gemeinschaft mit den anderen Streikenden das war, was sie in dieser Zeit besonders bestärkt hat.
00:05:17: Vida Otzik: Migrantische Frauen und deutsche Frauen, wir haben alle zusammengehalten. Und die Männer natürlich, die waren auch dabei. Die haben auch mitgeholfen.
00:05:26: Maria Popov: Fast 50 Tage dauert der Streik. Also knapp zwei Monate. Deutlich länger, als Vida Otzik am Anfang erwartet hätte.
00:05:33: Vida Otzik: Ich dachte, das dauert vielleicht ein, zwei Wochen und dann ist der Streik vorbei.
00:05:38: Maria Popov: Aber die Angebote, die CFM macht, reichen Vida Otzik und den anderen Streikenden nicht aus.
00:05:45: Vida Otzik: Wir wollten auch wieder arbeiten gehen. Es war nicht so, dass wir streiken wollten. Wir mussten streiken.
00:05:51: Maria Popov: Im Juni legt CFM dann ein neues Angebot vor: Die Mitarbeitenden von CFM werden in Zukunft nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt. Die Umstellung erfolgt gestaffelt über fünf Jahre, sodass spätestens bis zum 1. Januar 2030 alle Mitarbeitenden nach Tarifvertrag bezahlt werden.
00:06:10: Vida Otzik: Das heißt, wir machen jetzt keine großen Sprünge, nicht sofort, aber mit der Zeit wird es immer besser, immer mehr.
00:06:17: *Musik*
00:06:20: Maria Popov: Vida Otzik ist mit diesem Ergebnis zufrieden. Unter den Streikenden wird es allerdings stark diskutiert. Einigen dauert die Anpassung zu lange. Andere sind enttäuscht, weil sich so zwar der Lohn erhöht, die Mitarbeiter*innen von CFM bei Zuschlägen oder Regeln zum Urlaubs- oder Weihnachtsgeld aber immer noch schlechter dastehen als diejenigen, die direkt bei der Charité beschäftigt sind. Im Juni 2025 kommt es dann zur Urabstimmung. Das heißt, alle Mitglieder der Gewerkschaft entscheiden zusammen darüber, ob ein Angebot des Arbeitgebers angenommen wird oder ob weiter gestreikt wird.
00:06:57: Vida Otzik: Und als wir dann erfahren haben, dass wir mehr als 75 Prozent dafür gestimmt hatten, dass wir das Angebot annehmen, war für mich so eine schöne Erfahrung einfach, weil wir was erreicht hatten.
00:07:12: *Musik*
00:07:16: Maria Popov: Der Streik von Vida Otzik und den anderen Mitgliedern der Krankenhausbewegung war in vielen Punkten erfolgreich. Und er ist typisch für die aktuelle Streikbewegung. Er wurde nämlich mehrheitlich von Frauen angeführt.
00:07:28: Ingrid Artus: Was ein wirklich neues Phänomen ist, sind vor allem diese zunehmenden weiblichen Dienstleistungsstreiks.
00:07:38: Maria Popov: Das ist Ingrid Artus. Sie ist Professorin für Soziologie und forscht an der Uni Erlangen-Nürnberg. Und ihr Schwerpunkt?
00:07:45: Ingrid Artus: Also alles, was mit Kapital-Arbeit-Beziehungen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Gewerkschaft, Arbeitgeberverbände zu tun hat.
00:07:53: Maria Popov: Und in ihrer Forschungsarbeit ist Ingrid Artus auf ein interessantes Phänomen gestoßen. Sie nennt das: die Feminisierung von Streiks. Das heißt, dass Frauen seit den 90ern immer mehr streiken. Und sie prägen auch das Aussehen von Streiks. So wie Vida Otzik und die anderen Frauen in der Krankenhausbewegung.
00:08:13: *Musik*
00:08:15: Wie und warum es zu dieser Veränderung kam, das klären wir später noch. Vorher möchte ich euch aber eine andere Frau vorstellen, die schon vor 50 Jahren Streiks mitorganisiert hat und damit zu den Vorreiterinnen der heutigen Streikbewegung gehört.
00:08:29: Irina Vavitsa: Ich bin Irina Vavitsa. Ich bin 75 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in der ehemaligen Sowjetunion und jetzt gerade sitzen wir in unserem Lieblingsbüro, im IG Metall-Büro in Lippstadt.
00:08:43: Maria Popov: Meine Kollegin Katharina hat Irina Vavitsa in Lippstadt getroffen. Die Stadt liegt zwischen Dortmund und Bielefeld. Irina lebt seit bald 55 Jahren dort. Aufgewachsen ist sie aber – ihr habt es gerade gehört – in der Sowjetunion, im heutigen Usbekistan. Ihre Eltern kamen ursprünglich aus Griechenland.
00:09:02: Irina Vavitsa: Die waren Widerstandskämpfer. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Bürgerkrieg in Griechenland. Damals die Linken und Partisanen Krieg verloren. Und ein großer Teil sind verhaftet worden und umgebracht und ein Teil hatte geschafft, nach Ostblockländer auszuwandern und da haben die Asyl gekriegt.
00:09:21: Maria Popov: Irina Vavitsa wächst also in einem sehr politischen Haushalt auf. Schon als Kind prägt ihr Vater ihr ein, dass es wichtig ist, ein Leben lang für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen. 1966 erlässt Griechenland dann eine Amnesie für politisch Verfolgte.
00:09:37: Irina Vavitsa: Wir haben ein Visum gekriegt für eigenes Heimatland und so sind wir in Griechenland gelandet. Da haben wir ein bisschen Pech gehabt, weil kurz danach kam die Militärdiktatur und das ganze Theater hat wieder von vorn angefangen. Vater war verhaftet, war im Gefängnis.
00:09:58: Maria Popov: 1967, nur ein Jahr nachdem Irina Vavitsa und ihre Eltern nach Griechenland zurückgekehrt sind, kommt es dort zum Militärputsch. Irina Vavitsa ist damals 17 Jahre alt. Für sie ist der Umzug nach Griechenland schwierig. Als ehemals politisch Verfolgte bekommt ihre Familie keine offiziellen Dokumente.
00:10:17: Irina Vavitsa: Das Schlimmste war, wir hatten überhaupt kein Papier, wir durften nicht zur Schule gehen, ich durfte meine Träume nicht verwirklichen, ich habe geträumt also Ärztin zu werden, aber wir kamen nach Griechenland, da war schon alles vorbei.
00:10:31: Maria Popov: Erst durch die Heirat mit ihrem Mann Costa bekommt Irina Vavitsa griechische Papiere. Und als ihr Mann 1970 im Rahmen des Gastarbeiter-Abkommens nach Deutschland geht, entscheidet sie, mit ihm mitzugehen.
00:10:44: Irina Vavitsa: Und die erste Überraschung war auch, mein Mann musste das bewilligen, damit ich nach Deutschland komme und durfte arbeiten. Weil im Land, wo ich bin geboren und aufgewachsen, war die Frau und Mann gleichgestellt. Also eine Frau braucht keine Erlaubnis von Ehemann zu haben, ich entscheide über mein Leben. Ich entscheide, ob ich arbeite oder nicht. Und für mich war wichtig, auf meinen eigenen Beinen zu stehen.
00:11:07: Maria Popov: 1971, ein Jahr nach ihrem Mann, kommt Irina Vavitsa dann nach Deutschland. Sie wäre damals lieber nach Bayern gezogen, denn dort wohnen Verwandte von ihr. Aber weil ihr Mann bei Hella, einem Zulieferer für Autoteile in Lippstadt arbeitet, erlauben die deutschen Behörden das nicht.
00:11:24: Irina Vavitsa: Ich durfte nur zu Hella kommen, nur da, wo mein Mann war beschäftigt.
00:11:28: Maria Popov: Und so fängt sie 1971 an, bei Hella in der Montage zu arbeiten.
00:11:34: Irina Vavitsa: Das war eine alte Halle, ein schwarzes Band, da saßen links und rechts die meisten Frauen. Die eine hat die Reflektoren reingesteckt, die andere hat die Glühlampe reingesteckt. Also einfache, einfache, sage ich jetzt, Job für ungelernte Arbeitskräfte.
00:11:53: Maria Popov: Irina Vavitsa wird damals der Leichtlohngruppe zugeordnet. In diese Lohngruppe fallen leichte körperliche Arbeiten, die überwiegend von Frauen ausgeführt werden. Soziologin Ingrid Artus beschreibt die Einführung der Leichtlohngruppen so:
00:12:09: Ingrid Artus: Also bis in die 50er hat man sie noch nicht mal Leichtlohngruppen genannt, sondern da war klar, weil sie Frau ist, kann man ihr per Geschlecht weniger Lohn zahlen. Und dass das überhaupt als rechtlich in dieser Form als illegitim erklärt wurde, ist eigentlich eine Errungenschaft in der BRD der 50er Jahre, wenn man so will. Aber in der Praxis ist das dann unterlaufen worden, indem auch die Gewerkschaften sogenannte Leichtlohngruppen eingeführt haben, in denen halt nur Frauen waren, weil es angeblich leichte Arbeit war.
00:12:41: Maria Popov: Die Leichtlohngruppe ist also ein Weg, Frauen weniger zu zahlen als ihren männlichen Kollegen. Deutsche Frauen gibt es in Irina Vavitsas Abteilung nur ganz wenige. Die meisten ihrer Kolleginnen kommen aus Spanien, Jugoslawien, Italien und Griechenland. Viele von ihnen sprechen kaum bis gar kein Deutsch.
00:12:59: Irina Vavitsa: Das Schlimmste, was kann einem Menschen passieren, wenn man in einem fremden Land ist, die Sprache nicht zu sprechen. Das fand ich ganz, ganz, ganz schlimm. Obwohl ich konnte so ein bisschen Deutsch von der Schule.
00:13:11: Maria Popov: Aber dadurch, dass im Betrieb kaum Deutsch gesprochen wird, wird Irina Vavitsas Deutsch in den ersten Monaten erst mal sogar schlechter. Es gibt im Betrieb Übersetzer, die ihnen helfen, die Anweisungen zu verstehen. Und dann heißt es: arbeiten, und nicht zu viel quatschen!
00:13:27: Irina Vavitsa: Wir haben jeden Tag zehn Stunden gearbeitet, wir haben am Samstag acht Stunden gearbeitet. Also das war ziemlich hart. Aber das Schlimmste, was war für uns, die Dolmetscher, die haben uns nicht über unsere Rechte erklärt. Die haben uns über unsere Pflichten erklärt. Wir dürfen nicht zu spät kommen, wir müssen pünktlich sein, wir müssen eine Stückzahl schaffen, wir müssen um Qualität kümmern. Aber über andere Sachen, über unsere Rechte im Betrieb als Arbeiter, davon haben die uns nicht erklärt. Das wussten wir überhaupt nicht.
00:14:03: Maria Popov: Und wer nichts von seinen Rechten weiß, der kann sich auch nicht so gut wehren. Irina Vavitsa, die durch ihre Eltern aber weiß, dass man nicht alles im Betrieb einfach so hinnehmen muss, ist trotzdem regelmäßig beim Betriebsrat und beschwert sich. Zum Beispiel, als sie erfährt, dass die Baracken, in denen die Arbeiterinnen untergebracht sind, deutlich weiter vom Werk entfernt sind als die der Männer.
00:14:26: Irina Vavitsa: Ich habe mich beschwert, warum überhaupt die Frauen so weit laufen müssen, morgens besonders, wo lag so viel Schnee und schlechtes Wetter gewesen und es gab nur einen Bus für einige hunderte Frauen. Und dann hatte ich meine erste Begegnung mit dem Betriebsrat. Dann hat die Kollegin gesagt, ja, weil Männer sind unpünktlich und Frauen, egal wie weit weg die Frauen wohnen, die würden immer pünktlich sein. Dieses Argument konnte ich immer noch nicht verstehen.
00:15:01: Maria Popov: Irina Vavitsas erste Versuche, etwas zu verändern, laufen ins Leere. Viele der Abläufe im Betrieb erscheinen ihr unfair. Dieses Gefühl verstärkt sich, als sie mit ihren Kolleginnen die Lohnabrechnungen vergleicht.
00:15:14: Irina Vavitsa: Wir konnten überhaupt nicht definieren, was draufstand. Also was bedeutet die Lohngruppe, was bedeutet Krankenversicherung, was ist eine Lohnsteuer. Das wussten wir überhaupt nicht. Aber wir wussten genau, wie viele Stunden haben wir gearbeitet und was war am Ende.
00:15:33: Maria Popov: Für alle, die in den Wohnheimen von Hella leben – und das sind die meisten von Irina Vavitsas Kolleginnen – werden noch Beiträge für Miete und Strom abgezogen.
00:15:42: Irina Vavitsa: Da waren wir alle zusammen gesessen und gefrühstückt, die Unterschiede, also wenn zum Beispiel ich habe am gleichen Polierburg gearbeitet mit meinem Kollegen, mit männlichen Kollegen, mein männlicher Kollege hat höhere Lohngruppe gehabt als ich und das war schon ein Unterschied und zwischen deutschen Kollegen und ausländischen Kollegen war auch ein Unterschied, also wir als Frauen für die gleiche Arbeit wir waren schon zweimal bestraft, erst mal als Frau und dann als Migranten.
00:16:10: Maria Popov: In diesem Moment wächst auch bei den anderen Kolleg*innen die Wut über die Arbeitsbedingungen.
00:16:16: Irina Vavitsa: Und da haben wir gesagt, also es geht nicht. Wir fanden schon ungerecht alles, wir wollten schon ein besseres Leben hier haben, weil in unseren Ländern war es viel schlimmer, aber nicht unter solchen Bedienungen.
00:16:28: Maria Popov: Und so wie Irina Vavitsa und ihren Kolleg*innen geht es Anfang der 1970er Jahre vielen Frauen in Westdeutschland.
00:16:37: Ingrid Artus: Diese Kämpfe Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, die gingen um eine Erhöhung der Löhne für Frauen und die Abschaffung dieser sehr niedrigen Lohngruppen, also der Leichtlohngruppen für Frauen. Ja, und davon betroffen waren natürlich alle Frauen, wenn man so will, aber besonders die migrantischen Frauen. Die haben in der Situation, wo es noch einen relativ starken Arbeitskräftebedarf gab, also noch keine, wie wir das heutzutage eben kennen, noch nicht so eine starke Massenarbeitslosigkeit, dann gefordert, dass diese Situation ein Ende haben muss.
00:17:12: *Musik*
00:17:13: Maria Popov: 1973 kommt es in der ganzen BRD zu wilden Streiks, die von migrantischen Arbeiter*innen angeführt werden. zum Beispiel bei Pierburg in Neuss. Wilde Streiks, das sind Streiks, an denen die Gewerkschaften nicht beteiligt sind. Die haben damals die Situation der migrantischen Arbeiter*innen nämlich oft nicht genug auf dem Schirm.
00:17:35: O-Ton Pierburg: *Protestrufe*
00:17:42: Maria Popov: Und diese Stimmung – hier hört ihr die Streikenden bei Pierburg in einer Archivaufnahme von Labournet– erfasst auch Lippstadt.
00:17:50: Irina Vavitsa: Das war 1973 die Ölkrise. Und dann der Arbeitgeber hat gedacht, ach, das wäre jetzt nicht schlecht, den deutschen Facharbeitern ein bisschen mehr Geld zu geben. Und dann haben die beschlossen, der Betriebsrat und der Arbeitgeber, freiwillige Zulage nur für die deutschen Facharbeiter.
00:18:10: Maria Popov: 60 Pfennig mehr die Stunde sollen die deutschen Facharbeiter bekommen. Im Betriebsrat sitzen damals mit Ausnahme eines italienischen Kollegen nur Deutsche.
00:18:20: Irina Vavitsa: Wir haben das für ungerecht gefunden und wir haben gesagt, das reicht uns, wir werden auf die Straße gehen.
00:18:27: Maria Popov: Irina Vavitsa ist damals hochschwanger und steht kurz vor dem Mutterschutz, aber noch ist sie im Betrieb und sie kriegt mit, wie die Putzkräfte von dem Beschluss des Betriebsrats erzählen.
00:18:39: Irina Vavitsa: Wir haben nicht weiter überlegt. Die haben gesagt, wir werden auf die Straße gehen. Seid ihr einverstanden? Wir haben nicht nach Wetter gefragt, nicht nach Erlaubnis gefragt. Wir haben, ja gesagt: alle für eine und eine für alle. Wir waren so entschlossen. Ich denke mal, das war der letzte Tropfen. Ja, wir haben Wut, wir haben Frust, wir haben alles. Aber diese Entschlossenheit, dieser Zusammenhalt, das erlebe ich jetzt nicht mehr so jetzt.
00:19:07: Maria Popov: Irina Vavitsa und ihre Kolleg*innen sind im Streik. Sie fordern: 50 Pfennig mehr die Stunde!
00:19:12: Irina Vavitsa: Später haben wir mitgekriegt, bei Pierburg haben die Kolleginnen nach einer D-Mark verlangt und wir waren so bescheiden. Und die Arbeitgeber wollten uns nicht geben.
00:19:23: Maria Popov: Die Streikenden organisieren sich und wählen eine kleine Gruppe von Kolleg*innen, die die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber führen sollen.
00:19:30: Irina Vavitsa: Wir waren so laut, aber wir waren auch lustig. Wir haben gejubelt, wir haben gesungen, also wir haben überhaupt keine Angst. Dann kam der Betriebsrat. Dann hat er uns gesagt, mit welchem Recht gehen wir auf die Straße? Wir dürfen so was nicht machen. Ich habe gesagt, wir brauchen keine Erlaubnis. Wir fühlen uns ungerecht behandelt und dann werden wir auf die Straße gehen. Wir wollen mehr Geld. Wir wollen die Gerechtigkeit.
00:19:53: Maria Popov: Irina Vavitsa ist erschrocken darüber, dass der Betriebsrat die Haltung des Arbeitgebers mitträgt. Dadurch, dass sie damals den Unterschied zwischen dem Betriebsrat und der Gewerkschaft aus ihrem Heimatland nicht kennt, wirft sie der IG Metall vor, sich nicht für die Arbeitnehmer*innen einzusetzen.
00:20:09: Irina Vavitsa: Das war die Dolmetscher schuld, weil die haben uns im Stich gelassen. Die haben uns erst mal nicht erklärt. Lass mal die, die Dolmetscher waren von Arbeitgebern angestellt, aber der Betriebsrat war da. Das ist die Aufgabe des Betriebsrates, die Arbeiter, die Kollegen zu informieren. Und das fand ich traurig.
00:20:32: Maria Popov: Vier Tage dauert der Streik. Um die Streikenden zu beschwichtigen, lädt Hella sogar den spanischen und den italienischen Botschafter ein. Aber alle Versuche, die Arbeiter*innen zu beschwichtigen, scheitern.
00:20:45: Irina Vavitsa: Wir sind durch die Einkaufsstraße gegangen, wir haben gesungen, wir haben getanzt, weil wir waren fest überzeugt, wir werden diese 50 Pfennig kriegen, wenn wir zusammenhalten. Aber die Solidarität von außen, das kann man jetzt nicht ignorieren. Da waren schon viele, viele fremde Menschen da.
00:21:03: Maria Popov: Die Streikenden werden von vielen linken Gruppen aus ganz Nordrhein-Westfalen unterstützt. Und schließlich kann sich der Arbeitgeber nicht mehr gegen den Druck wehren. Er gibt nach: Auch die ausländischen Arbeitskräfte bekommen eine freiwillige Zulage von 50 Pfennig mehr die Stunde.
00:21:20: Irina Vavitsa: Wir haben diese 50 Pfennig gekriegt durch unseren Zusammenhalt, durch unsere Solidarität.
00:21:27: Maria Popov: Der Kampf für gleichen Lohn – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft – wird damals nicht nur in Westdeutschland geführt.
00:21:34: Ingrid Artus: Die Bewegung war nicht nur in Deutschland, sondern auch zum Beispiel in Großbritannien hat man das, auch in Frankreich machen in der Zeit die Frauen mobil für gleichen Lohn, für gleiche Arbeit.
00:21:46: *Musik*
00:21:48: Maria Popov: Irina Vavitsa und ihre Kolleginnen waren also mit ihrem Streik erfolgreich. Was ich an ihrer Geschichte aber krass finde, ist, dass die Gewerkschaften die Streikenden damals in vielen Punkten alleine gelassen haben. Und zum Beispiel durch die Einführung der Leichtarbeitsgruppe hingenommen haben, dass die Arbeit von Frauen schlechter bezahlt wurde. Wir wollten von der Soziologin Ingrid Artus wissen, woran das lag, dass die Belange von Frauen von den Gewerkschaften damals nicht wirklich ernst genommen wurden.
00:22:19: Ingrid Artus: Diese Geschichte, wenn man wieder ins 19. Jahrhundert zurückgeht, beginnt eigentlich damit, dass Frauen gar nicht das Recht hatten, Mitglied in Gewerkschaften zu werden. Und auch die männlichen Gewerkschaften, die waren damals rein männlich, es auch gar nicht wollten, dass die Frauen Mitglied werden, weil es gab dieses Bild, die Frau soll eigentlich sowieso zu Hause bleiben, plus Frauenlöhne drücken die Löhne der Männer, weil Frauen ja also per Geschlecht quasi schlechter bezahlt werden. Insofern stellen sie eine Niedriglohnkonkurrenz oder auch eine Schmutzkonkurrenz zu den Männerlöhnen auch dar. Also das ist sozusagen der unrühmliche Ausgangspunkt der Gewerkschaften, wenn man so will.
00:23:01: Maria Popov: Bis 1908 war es Frauen rechtlich verboten, Gewerkschaften zu gründen oder in solche einzutreten. Und trotzdem gab es schon vorher Frauen, die für gerechteren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt haben.
00:23:14: Ingrid Artus: Vielleicht fängt man doch mal mit dem sogenannten Weber-Aufstand an, der ja berühmt ist, 1840, der immer als männerdominierter Aufstand gesehen wird. Da waren wahnsinnig viele Weberinnen dabei, weil das Weben vielerorts eben in Heimarbeit stattgefunden hat.
00:23:31: Maria Popov: Und solche Beispiele gab es im Laufe der Geschichte immer wieder. Vor allem in Branchen, in denen viele Frauen arbeiteten.
00:23:38: Ingrid Artus: Also mein Lieblingsstreik, also ist eigentlich immer der Streik der Crimmitschauer Textilarbeiter.
00:23:44: Maria Popov: Beziehungsweise der Crimmitschauer Textilarbeiterinnen.
00:23:48: Ingrid Artus: Ja, und in Crimmitschau, das ist in Sachsen, ging es im Jahr 1903 darum, die Arbeitszeit zu verkürzen von elf Stunden auf zehn Stunden. Ja, und das war eine wahnsinnig harte Auseinandersetzung für die damalige Zeit, war auch reichsweit bekannt.
00:24:03: Maria Popov: 22 Wochen streiken die Textilarbeiterinnen damals.
00:24:06: Ingrid Artus: Es waren rund 8.000 Arbeiter*innen daran beteiligt, von denen dann mindestens 500 ihren Job verloren haben. Also der Streik ist nicht gewonnen worden, weil die Arbeitgeber fähig waren, zum einen auszusperren und zum anderen die streikenden Textilarbeiterinnen durch andere Arbeitskräfte zu ersetzen. Ja, aber die streikenden Frauen haben unter schwierigen Bedingungen wirklich einen extremen Kampfesmut bewiesen und wollten eigentlich auch nicht zurück in die Fabriken. Es waren die Gewerkschaften, die ja eigentlich männerdominiert waren damals, die den Kampf dann letztlich abgesagt haben.
00:24:43: *Musik*
00:24:45: Maria Popov: Wie es dann wenige Jahre später trotzdem erst zur Einführung des 10- und später des 8-Stunden-Tages kam, dazu haben wir ja schon eine Podcastfolge gemacht, die findet ihr in den Shownotes. Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts setzen sich die Gewerkschaften also noch nicht so wirklich stark für die Frauen ein. Aber es gibt damals schon Stimmen, die sagen: Nur wenn es gute Arbeitsbedingungen für alle gibt, kann diese Bewegung erfolgreich sein.
00:25:12: Ingrid Artus: Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts schreibt ein August Bebel das Buch „Die Frau und der Sozialismus'“. Und also dieses Grundlagenwerk versucht schon, der gesamten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung beizubringen, dass es das Ziel sein muss, dass Frauen und Männer gemeinsam für den Sozialismus kämpfen, Seite an Seite und im Grunde auch gleichberechtigt. Das ist ein ganz anderes Geschlechterbild und Ideal, als es eben naja vielerorts auch in den Gewerkschaften noch vorhanden war.
00:25:45: Maria Popov: Und es sollte noch lange dauern, bis es dann auch in der Praxis umgesetzt wird.
00:25:49: *Musik*
00:25:52: Maria Popov: Ihr habt es vorhin ja schon gehört: In ihrer Forschung beobachtet Ingrid Artus, dass Streiks in den letzten 30 Jahren immer mehr von Frauen angeführt werden. Und das hat mehrere Gründe.
00:26:03: Ingrid Artus: Die Frauen haben auch veränderte Ansprüche an ihre Berufsarbeit. Das heißt, sie haben ein anderes Interessenbewusstsein als früher. Und diese weiblichen Lohnarbeiterinnen, sage ich jetzt mal, im Dienstleistungsbereich, die mehr wollen als früher und die vielleicht auch mehr verdienen müssen als früher, weil sie vielleicht keinen Ehemann mehr haben, aber Kinder, die sind eigentlich die Trägerinnen dieser neuen Arbeitskämpfe.
00:26:29: Maria Popov: Gerade Frauen, die in Kitas oder Krankenhäusern arbeiten, müssen oft unter schlechteren Bedingungen arbeiten.
00:26:35: Ingrid Artus: Es ist auch eine Gegenwehr gegen vor allem zunehmend prekäre Arbeitssituationen in diesen Bereichen und das hat sehr viel zu tun auch mit der Vermarktlichung unseres Sozialstaates und also der Vermarktlichung auch des Gesundheitssektors, einer Privatisierung dieser Bereiche und neuen prekären Beschäftigungsbedingungen dort.
00:26:57: Maria Popov: Zusätzlich zu dem Druck bei der Arbeit, leisten Frauen in Deutschland im Schnitt auch immer noch neun Stunden mehr Sorgearbeit pro Woche als Männer. Das heißt, sie verbringen mehr Zeit beim Putzen, Kochen und Einkaufen, mit Pflege oder Kinderbetreuung.
00:27:12: Ingrid Artus: Daher bringen sie auch häufiger ihre Kinder zu Streiks mit. Auch die Zeitgestaltung bei Streikversammlungen muss wohl anders sein, wenn man weiß, dass die Frauen eben nach Hause müssen, die Kinder von der Kita abholen müssen. Also ja, die Streikkulturen unterscheiden sich ein bisschen, ja.
00:27:29: Maria Popov: Dadurch, dass heute mehr Frauen in den Gewerkschaften aktiv sind, und das auch in führenden Positionen, verändert sich auch die Arbeit dort.
00:27:37: Ingrid Artus: In dem Sinne zumindest, dass die spezifisch weiblichen Interessenlagen doch stärker gesehen werden. Also mit spezifisch weiblichen Interessenlagen meine ich eben diese Minderbezahlung von Frauen, die es auch nach wie vor gibt.
00:27:50: Maria Popov: In Deutschland gibt es immer noch einen Gender Pay Gap von 16 Prozent. Das heißt, dass Frauen im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde verdienen als Männer.
00:27:59: Ingrid Artus: Oder eben auch die Durchsetzung von Rechten, was jetzt sozusagen die Kinderbetreuung oder so was angeht, dass das auch nicht nur eine Frauenangelegenheit ist, sondern eine Geschlechterangelegenheit. Also dass auch Männer genauso das Recht haben sollen für Familienteilzeit zum Beispiel, ihre Arbeitszeit zu unterbrechen oder so. Solche Inhalte, die werden wichtiger in der Agenda der Gewerkschaften. Ja, ich glaube, es tut sich da was.
00:28:30: *Musik*
00:28:32: Maria Popov: Eine, die mit dafür verantwortlich ist, dass sich was tut, ist Alexa Wolfstädter. Sie arbeitet bei ver.di im Bereich Frauen und Gleichstellungspolitik und beschäftigt sich schon ihr Leben lang mit diesen Themen.
00:28:43: Alexa Wolfstädter: Für mich war das irgendwie so eine Frage von Fairness, Gerechtigkeit und es hat mich ja auch selber betroffen. Ich bin eine junge Frau gewesen oder Mädchen und habe schon sehr früh ein Gefühl dafür gehabt, dass da vieles ungerecht ist und Frauen oder Mädchen schlechter behandelt werden, unterdrückt werden, schlechtere Chancen haben.
00:29:02: Maria Popov: Frauen machen heute mehr als 50 Prozent der Mitglieder von ver.di aus. Das hängt damit zusammen, dass ver.di die Gewerkschaft für Dienstleistungsberufe ist und Frauen in diesen Branchen überdurchschnittlich stark vertreten sind. Dadurch hat Alexa Wolfstädter schon von Anfang an mitbekommen, wie Frauen die Streikbewegung verändert haben.
00:29:22: Alexa Wolfstädter: Es ist tatsächlich so, das Jahr 1990 hier in Berlin ein riesiger Erzieherinnenstreik war mit über 5.000 Erzieherinnen und über zehn Wochen. Und das war eine richtig große Streikbewegung und das war ja die Urstunde dieser ganzen Bewegung im Sozial- und Erziehungsdienst für bessere Arbeitsbedingungen.
00:29:46: Maria Popov: Bei dem Kitastreik ging es unter anderem um kleinere Gruppen und bessere Betreuungsschlüssel. Außerdem sollte die Zeit, die die Erzieher*innen zur Vor- oder Nachbereitung ihrer Arbeit brauchten, bezahlt werden.
00:29:57: Alexa Wolfstädter: Also qualitative Forderungen und dann natürlich auch Arbeitszeitfragen und Anerkennung der pädagogischen Arbeit. Und das zieht sich ja bis heute durch. Und das ist eine Frauenstreikbewegung. Also sicher sind da Männer auch unterwegs, aber es sind ja ganz überwiegend Frauen, die in diesem Bereich arbeiten. Und die sind inzwischen so präsent.
00:30:20: Maria Popov: Genauso wie bei Streiks von Pflegekräften und der Krankenhausbewegung.
00:30:24: Alexa Wolfstädter: Und gerade diese Bereiche sind auch ganz wesentlich für unsere Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst. Also diese typischen Frauenbereiche, die haben ja so ein Gewicht inzwischen für die Durchsetzung von Forderungen und für die Streikbewegungen, das ist ja gar nicht mehr wegzudenken. Also ohne die geht es ja gar nicht mehr.
00:30:44: *Musik*
00:30:48: Maria Popov: Diese Entwicklung beobachtet auch Irina Vavitsa aus Lippstadt. Sie findet es sehr wichtig, dass gerade Frauen sich in die Gewerkschaften einbringen und aktiv werden – so wie sie es seit den 1970er Jahren immer wieder getan hat.
00:31:01: Irina Vavitsa: Für die Gleichberechtigung, für Gleichstellung musst du aktiv werden. Du musst unbedingt für dich was tun. Und wenn du nicht bist in einer Gewerkschaft, von wem erwartest du eine Unterstützung? Von der politischen Partei, sehen wir uns. Also ich denke mir, die Gewerkschaft vertritt uns hundertprozentig. Vielleicht bist du nicht zufrieden, aber wenn du nicht dabei bist, dann kannst du nicht von der Gewerkschaft was erwarten.
00:31:28: Maria Popov: Sie selbst ist einige Jahre nach dem erfolgreichen Streik bei Hella der IG Metall beigetreten. Dort wurde sie damals auch endlich über ihre Rechte als Arbeitnehmerin aufgeklärt.
00:31:39: Irina Vavitsa: Wo ich bin zum ersten Mal zu Seminaren gefahren. Und dann habe ich über unsere Rechte erfahren und der erste Aha-Effekt war da. Erst mal, du wirst erfahren über deine Rechte im Betrieb, aber auch die Kinderbetreuung. Das war ein A und O für uns, besonders für viele Frauen. Da hast du die Gelegenheit, bei IG Metall-Seminaren mit deinem Kind dahin zu fahren. In der Bildungsstätte gab es Kinderbetreuung und das war ziemlich wichtig für uns. Also ja, das war schon eine super Erfahrung.
00:32:18: Maria Popov: Je mehr Irina Vavitsa über ihre Rechte lernt, desto mehr kann sie auch ihre Kolleg*innen im Betrieb unterstützen.
00:32:24: Irina Vavitsa: Wir haben auch unsere Kolleginnen unterstützt. Wir haben das, was wir erfahren haben, dann haben wir das weitergegeben an unsere Landsleute.
00:32:34: Maria Popov: Außerdem geht sie in die Abendschule und belegt Deutschkurse. Auch das hilft ihr, im Betrieb mehr mitzubestimmen.
00:32:40: Irina Vavitsa: Meine Betriebsratskollegen haben die Nase voll gehabt von meinen Beschwerden. Ja, und dann haben die gesagt, ja, du musst Betriebsrätin werden, damit du alles besser machst. Weil wegen jeder Ungerechtigkeit war ich beim Betriebsrat. Auch wegen meinen anderen Kollegen. Ich habe immer meinen Kollegen vertreten.
00:32:57: Maria Popov: Und so wird Irina Vavitsa Anfang der 1990er in den Betriebsrat gewählt. Insgesamt bleibt sie 44 Jahre bei Hella, davon 25 als Betriebsrätin. Heute ist sie stolz, dass die Gewerkschaften aus den Fehlern im Umgang mit den sogenannten Gastarbeiter*innen gelernt haben.
00:33:16: Irina Vavitsa: Wir sind da, Menschen zu zeigen, die sind nicht alleine hier in einem fremden Land. Das ist für mich sehr, sehr, sehr wichtig. Ab und zu, es gibt Betriebe hier in der Umgebung, wo es viele Flüchtlinge gibt, die sprechen überhaupt kein Deutsch, die sprechen perfekt Englisch und die sprechen andere Sprachen. Wir sind da, Menschen zu überzeugen und zu unterstützen. Erst mal zu unterstützen, die sind nicht allein, aber auch zu überzeugen, wie wichtig ist eine Gewerkschaft.
00:33:47: *Musik*
00:33:49: Maria Popov: Streikende Frauen wie Irina Vavitsa waren Wegbereiterinnen der aktuellen Streikbewegung mit starker feministischer Handschrift. Heute führen Frauen wie Vida Otzik und ihre Mitstreiterinnen diese Bewegung fort. Und wie wichtig es ist, diese Frauen zu unterstützen und mit ihnen zu kämpfen, zeigt unter anderem die Arbeit von Alexa Wolfstädter. Denn noch immer werden Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, bekommen weniger Lohn, haben oft schlechtere Arbeitsbedingungen und tragen einen Großteil der privaten Sorgearbeit. Aber sie wehren sich, sind laut und solidarisch miteinander. Das zeigt nicht zuletzt die Forschung von Ingrid Artus. Gewerkschaften waren und bleiben wichtige Orte, um gemeinsam diese Ungerechtigkeiten anzugehen und für die eigenen Interessen und bessere Arbeitsbedingungen für alle einzustehen, zu kämpfen und wenn nötig zu streiken. Übrigens: wenn ihr nach dieser Folge Lust auf noch mehr Themen zu Gleichstellung habt, empfehlen wir euch den Lila Podcast. Feminismus für alle. Dort setzen sich Laura und Lena, Özge, Minusch und Katrin alle zwei Wochen mit wichtigen gesellschaftlichen Themen auseinander und betrachten diese durch die feministische Brille. Dabei geht es zum Beispiel ums Kinderkriegen, um patriarchale Mythen oder den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Den Link zum Podcast findet ihr in den Shownotes. Das war "Geschichte wird gemacht". Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Ein besonderer Dank gilt Labournet TV. Wenn euch der Podcast gefällt, freuen wir uns, wenn ihr uns eine Bewertung dalasst. „Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host: Maria Popov. Redaktion: Katharina Alexander für hauseins und Dieter Pougin für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal.
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