Lehrjahre sind keine Herrenjahre: Wie die Lehrlingsbewegung die Ausbildung veränderte
Shownotes
Einkaufen für den Vorgesetzten, den Garten pflegen oder das private Dach der Garage vom Chef decken - solche Erfahrungen machen Auszubildende auch heute noch. Doch das Phänomen ist nicht neu. Die Debatte darüber, was eine gute Ausbildung ausmacht, hat schon Jahrzehnte früher begonnen.
Deshalb schauen wir in dieser Folge auf die Lehrlingsbewegung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Tausende Auszubildende protestierten damals gegen autoritäre Strukturen, schlechte Ausbildungsbedingungen und mangelnde Mitbestimmung. Sie forderten Respekt, bessere Ausbildungsinhalte und mehr Rechte - und stießen damit wichtige Reformen an.
Teil dieser Bewegung war damals Erik Merks. Er erinnert sich an Demonstrationen, Protestaktionen und daran, wie sich der Alltag für Auszubildende Schritt für Schritt veränderte. Außerdem hören wir den Historiker Knud Andresen. Er ordnet die Lehrlingsbewegung in die gesellschaftlichen Umbrüche der 1968er-Zeit ein und erklärt, warum sie weit mehr war als ein Ableger der Studentenbewegung. Und wir sprechen mit Steffen Marquardt von der DGB-Jugend Nord. Er berichtet, mit welchen Problemen Auszubildende heute zu ihm kommen – und warum viele Konflikte von damals bis heute nachwirken.
„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.
- Host: Maria Popov
- Redaktion: Carina Schroeder für Hauseins und Amanda Witkowska für die Hans-Böckler Stiftung.
- Produktionsleitung: Stefanie Groth
- Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald
Links und Hintergründe
- DGB-Ausbildungsreport 2025 - Wie es heute um Ausbildungsqualität, Arbeitszeiten und ausbildungsfremde Tätigkeiten steht.
- DGB-Jugend - Rechte in der Ausbildung - Informationen zu Rechten von Auszubildenden, Beratung und Unterstützung.
- Bundesministerium der Justiz - Berufsbildungsgesetz (BBiG) – Der vollständige Gesetzestext des Berufsbildungsgesetzes.
- IG Metall Jugend: Was eine bessere Ausbildung mit dem BBiG zu tun hat - Zur Entstehung des Berufsbildungsgesetzes und den Reformen der Ausbildung.
- NDR Panorama (15. Juli 1968): Ist die Lehre noch zeitgemäß? - Historische Fernsehreportage über Missstände in der Berufsausbildung, aus der auch Ausschnitte in der Folge vorkommen.
- ARD Mediathek: Panorama - Studentenproteste in Berlin und Hamburg (1968) - Historische Aufnahmen zur Protestbewegung von 1968.
- IG Metall: Zeittafel der Jugendarbeit - Chronologie der gewerkschaftlichen Jugendarbeit und der Lehrlingsbewegung.
- Hans-Böckler-Stiftung: Die Lehrlingsbewegung - Protest für eine bessere Ausbildung - Hintergrundartikel zur Entstehung der Lehrlingsbewegung, ihren Forderungen und ihrer Bedeutung für die Reform der Berufsausbildung.
- Deutsche Handwerks Zeitung: Die vergessene Revolte der Lehrlinge - Überblick über die Lehrlingsbewegung von 1968/69, ihre Forderungen und die Veränderungen, die sie für die Berufsausbildung angestoßen hat.
Weitere Folgen zum Thema ● Von blutigen Aufständen bis Demo-Raves: Der 1. Mai als Feier- und Kampftag ● Mitbestimmtes Arbeiten – Warum das gut für die Demokratie ist ● Über 100 Jahre Acht-Stunden-Tag – Wird’s Zeit für weniger Arbeit? ● Gamechanger Tarifvertragsgesetz – Eine Säule der Demokratie
Transkript anzeigen
00:00:00: Erik Merks: Dass er wegkam. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Dass wir diesen Spruch beseitigt haben, dass wir wirklich Menschen wurden, da bin ich stolz drauf.
00:00:07: *Protestrufe und Musik*
00:00:25: Maria Popov: Hey, ich bin Maria und ihr hört „Geschichte wird gemacht“. Dieses Mal geht es um die Lehrlingsbewegung.
00:00:32: Steffen Marquardt: Wir machen da Projekttage in den Klassen selbst, also während des Unterrichts, und haben nebenbei auch einen Stand draußen auf dem Schulhof. Und da kam ein junger Auszubildender auf mich zu und hat wirklich einen großen Blumenstrauß an Problemen irgendwie mitgebracht. Ich habe ihm auch gesagt, nee, das, was du dort erzählst, auch mit gerade Wochenendarbeit, Überstunden usw., das funktioniert alles nicht.
00:00:54: Maria Popov: Das ist Steffen Marquardt von der DGB Jugend Nord. Der Jugendbildungsreferent ist zuständig für Hamburg und hört in Gesprächen mit Auszubildenden immer wieder von solchen Missständen. Er hört ihnen zu, berät sie und macht ihnen Mut, etwas zu ändern.
00:01:10: Steffen Marquardt: Es muss ein halbes Jahr später gewesen sein, treffe ich ihn halt einfach wieder zufällig in Hamburg und er erkennt mich wieder und sagt so, hey, wir haben uns doch auf dem Schulhof in der Berufsschule getroffen und so weiter. Übrigens, ich habe jetzt meinen Ausbildungsbetrieb gewechselt, das ging gar nicht mehr.
00:01:25: *Musik*
00:01:28: Maria Popov: Junge Menschen heute, die wissen, dass man nicht alles hinnehmen muss. Das könnte auch einer der Gründe sein, warum Unternehmen in ganz Deutschland händeringend Auszubildende suchen. Branchenübergreifend fehlen Zehntausende. Rund jedes zweite Unternehmen kann seine angebotenen Lehrstellen nicht besetzen. Besonders stark betroffen sind das Handwerk, die Gastronomie, Pflegeberufe sowie die Baubranche. Gleichzeitig steigt die Quote der Ausbildungsabbrüche. Man sollte also meinen, dass junge Menschen, die eine Ausbildung machen wollen, der rote Teppich ausgerollt wird und ihnen die Ausbildung auch schmackhaft gemacht wird. Laut DGB-Ausbildungsreport 2025 muss allerdings fast jeder siebte Mensch in Ausbildung immer oder häufig Aufgaben übernehmen, die nichts mit der Ausbildung zu tun haben.
00:02:16: Steffen Marquardt: Das ist nichts, was ich mir irgendwie ausdenke oder was wir am Flipchart uns so in dem Brainstorming zusammen gedacht haben. Das ist wirklich: Einkaufen gehen für die Vorgesetzte, den Garten vom Chef pflegen, das private Dach von der Garage zu Hause vom Chef decken. Alles schon gehört.
00:02:37: Maria Popov: Es sind keine Einzelfälle und neu ist das Phänomen auch nicht. Bereits Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre haben Lehrlinge sich gegen ausbildungsfremde Arbeiten, schlechte Bezahlung und autoritäre Chefs gewehrt. In dieser Folge soll es um die sogenannte „Lehrlingsbewegung“ gehen. Wie politisch war sie damals wirklich? Was haben die Proteste bewirkt und was ist heute davon noch übrig?
00:03:01: *Pfeifen und Protestrufe*
00:03:04: Erik Merks: Das war ein schöner Wintertag, den wir damit verbracht, Parolen geschrien haben.
00:03:09: Maria Popov: Es ist der 8. November 1968. Damals ziehen mehr als 1.000 junge Menschen durch die Hamburger Innenstadt. Aufgrund der Jahreszahl könnte man zwar vermuten, es waren Studierende, aber nein, die jungen Menschen sind Lehrlinge. Sie protestieren dagegen, als billige Arbeitskräfte eingesetzt zu werden, gegen Botengänge, Hilfsarbeiten und eine Ausbildung, in der der Meister oft mehr bestimmt als nur einen Lehrplan. Zum ersten Mal treten Auszubildende in der Bundesrepublik so sichtbar gemeinsam auf. Aus einzelnen Beschwerden wird ein öffentlicher Protest und bald eine Bewegung, die sich in vielen Städten organisiert.
00:03:50: Erik Merks: Abends waren wir total heiser.
00:03:51: Maria Popov: Unter ihnen war dieser Mann.
00:03:54: Erik Merks: Ich war ein sehr schlechter Schüler, ich hatte keine Lust zu lernen. Ich habe die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium geschafft, bin dann aber zweimal sitzen geblieben und schließlich runtergeflogen.
00:04:04: Maria Popov: Obwohl die Zeit für Erik Merks in seiner Jugend nicht immer einfach war, hat er dennoch ein Lächeln auf den Lippen, wenn er davon erzählt.
00:04:10: Erik Merks: Und dann sagte mein Vater, aus dem Jungen wird sowieso nichts Wissenschaftliches, der soll eine ordentliche Lehre machen. Da bin ich ihm sehr dankbar für, dass er mich in diesen Weg gebracht hat. Ich habe mich dann beworben für eine Lehre als Maschinenschlosser auf der größten Hamburger Werft Blohm+Voss. Ja, und da habe ich angefangen als Lehrling, 1966.
00:04:30: Maria Popov: Erik Merks sagt von sich selbst, er sei keineswegs politisch gewesen, aber aufsässig. Und das passte so gar nicht mit der Ausbildung zusammen.
00:04:38: Erik Merks: Die Ausbildung war eben anders als heute sehr stark geprägt vom Erziehungscharakter. Also der Lehrling, das heißt allgemein der Lehrling, für Lehrling gibt es auch keine weibliche Form. Auch die Mädchen wurden damals als der Lehrling angesprochen. Der Lehrling sollte nicht nur lernen, sondern der Lehrling sollte auch ein anständiger Bürger werden, ein anständiger Staatsbürger. So stand es dann damals auch im Lehrvertrag.
00:05:04: Maria Popov: Er zitiert wörtlich:
00:05:07: Erik Merks: „Der Lehrbetrieb verpflichtet sich, den Lehrling zu anständigem Verhalten und Arbeitsfleißigkeit zu erziehen. Der Lehrling ist verpflichtet, seinem Vorgesetzten Gehorsam und Achtung zu erweisen, sich innerhalb und außerhalb des Betriebes anständig und ordentlich zu betragen.“
00:05:25: Maria Popov: Und das haben Erik Merks und seine Mitlehrlinge auch jeden Tag zu spüren bekommen.
00:05:30: Erik Merks: Wir wurden geduzt, wir durften nicht rauchen, wir mussten kurze Haare tragen, die Nietenhose, damals hießen die Jeans Nietenhosen, die Nietenhose war verpönt, ja. Wir mussten absoluten Gehorsam erweisen. Wenn der Gehorsam nicht erfolgt, dann gab es für einige schon mal ein paar an den Hinterkopf.
00:05:47: *Musik*
00:05:51: Maria Popov: Obwohl körperliche Züchtigung von Lehrlingen längst verboten war, gehörten solche, auch gewaltvolle Übergriffe offenbar weiterhin zum Ausbildungsalltag. Doch die jungen Menschen damals haben meist schon im Elternhaus und auch in der Schule eine gewisse Strenge ertragen. Körperliche Strafen gehörten damals noch zum Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. In Hamburg wurde die Prügelstrafe an Schulen erst 1969 vollständig abgeschafft und damit noch nach Beginn von Merks' Ausbildung. Heißt also, die jungen Auszubildenden sind damals einiges gewöhnt, aber umso weniger haben sie Lust, auch alles hinzunehmen. Und sie werden innerhalb vom Betrieb eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft.
00:06:35: Erik Merks: Wenn ein Lehrling bestraft wurde, dann musste er länger fegen in der Werkstatt. Dann war nicht um 16 Uhr Feierabend, dann musste er bis 16:30 Uhr bleiben und die Lehrwerkstatt noch mal durchfegen, obwohl sie schon gefegt war. Gut. Gegen diese Bestrafung sind wir angegangen durch eigenen Ungehorsam. Wir anderen, die keine Strafe bekamen, die blieben einfach da, die blieben sitzen in der Lehrwerkstatt. Wir saßen dann da, wir 50 Lehrlinge saßen dann da und warteten, bis die halbe Stunde rum war und gingen dann.
00:07:01: Maria Popov: Der NDR berichtet in seiner Sendung „Panorama“ am 15. Juli 1968 kritisch darüber, ob die Lehre noch zeitgemäß sei. Und dort findet man Aussagen, die sehr an das erinnern, was wir schon zu Beginn der Folge über heutige Zustände in der Ausbildung gehört haben.
00:07:18: O-Ton NDR 1: Wenn wir jetzt zum Beispiel um drei Feierabend haben, dann sagt er, so geht mal noch zwei Stunden in den Keller, dann könnt ihr ja noch Holz hacken. Und irgendwas zu sagen hat ja auch keinen Zweck.
00:07:27: O-Ton NDR 2: Ich lerne Konditor und ich muss morgens um halb acht draußen das Papier sammeln und auch so die Gartenstühle und das alles, Dreckeimer runterbringen.
00:07:36: O-Ton NDR 3: Ja, so nach der Arbeit oder während der Arbeitszeit Auto waschen und so, ich finde, das gehört da einfach nicht zu. Man macht das, um zu gefallen, weil das Arbeitsverhältnis darunter leidet dann.
00:07:44: O-Ton NDR 4: Die Senior-Chefin hat mich dann mitgenommen und bei den Schwiegereltern musste ich da Birnen pflücken.
00:07:51: O-Ton NDR 5: Mein Chef, der sagt manchmal, meinetwegen er hat zu Hause gemalt und dann schickt er mich los, ich soll noch Pinsel holen und so ein Abstreichding für Farbe, Farben besorgen und das dauert manchmal zwei Stunden, drei Stunden und da geht die ganze Zeit von meiner Lehre verloren. Also da bin ich an und für sich nicht für da, um Farben zu malen oder Holz zu hacken. - Was lernen Sie denn? - Koch. Das gehört ja nicht zu meinem Beruf.
00:08:13: Maria Popov: Den Vorgesetzten von Erik Merks wird jedenfalls damals schnell klar, dass es nicht so weitergehen kann. Die Lehrlinge tanzen ihn auf der Nase rum, also lockern sie in bestimmten Bereichen ihre Vorgaben.
00:08:25: Erik Merks: Wir erreichten zum Beispiel, dass wir Lehrlinge dann gesiezt wurden. Entweder das gemeinsame Sie oder das gemeinsame Du. Strafen wurden abgeschafft, das Fegen wurde abgeschafft, die Lehrlinge durften rauchen.
00:08:37: Maria Popov: Der heute 79-jährige Erik Merks fügt dann noch fast entschuldigend hinzu:
00:08:42: Erik Merks: Aus heutiger Sicht schädlich, aber damals war Rauchen eben ein Teil der Freiheit junger Menschen.
00:08:46: Maria Popov: Zu den neuen Freiheiten gehörte auch, dass die Frauen sich schminken, nach Parfüm duften und Röcke tragen durften. Heute unvorstellbar, dass so etwas verboten sein könnte. Doch so ganz wollte der Betrieb seinen Erziehungsauftrag nicht aufgeben.
00:09:01: Erik Merks: Und deswegen wählte Blohm+Voss damals den Weg, dass sie eine sogenannte Führungsprämie eingeführt haben. Also wenn der Lehrling sich ordentlich betragen hat, einen Monat lang, dann bekam er am Monatsende 20 Mark extra. 20 Mark war eine Menge Geld. Die Lehrlingsvergütung betrug damals 80 Mark im Monat. Da war 20 Mark eine Menge Geld. Aber trotzdem gab es Lehrlinge, die sehr selten in den Genuss dieser Prämie kamen.
00:09:25: Maria Popov: Und selten bekommt auch Erik Merks seine zusätzlichen 20 Mark. Dennoch, diese kleinen Erfolge, zu erfahren, dass sich durch Auflehnung etwas verändern kann, das war ganz wichtig für Merks und seine Mitlehrlinge.
00:09:38: Erik Merks: Und das hat uns Mut gemacht, dass man mit einem gewissen Widerstand, mit einer gewissen Beharrlichkeit auch zu Erfolgen kommen kann.
00:09:46: Maria Popov: Und während Merks und seine Kumpanen die kleinen Erfolge ihres Ungehorsams feiern, braut sich gesamtgesellschaftlich ein noch viel größerer Widerstand zusammen.
00:09:56: *Protestrufe*
00:09:59: Knut Andresen: Was man um das Jahr 1968 herum erlebt, ist eine weltweite Jugendrevolte, so haben es manche genannt, eine Unruhe zumeist in der jüngeren Generation, die stark linksorientiert sind. Und das eben nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Welt, kann man sagen.
00:10:21: Maria Popov: Das ist Knut Andresen, Historiker an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und lehrt neuere und neueste Geschichte an der Universität Hamburg. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Geschichte der Arbeit, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen.
00:10:36: Knut Andresen: Also eine Aufbruchsstimmung, eine, wie soll man sagen, eine jüngere Generation, die sagt, wir wollen starre Verhältnisse aufbrechen, wir wollen Autoritäten hinterfragen, wir wollen auch Anerkennung bekommen als junge Person und geprägt, ein wichtiger Begriff ist Demokratisierung. Das heißt, man will Mitsprache haben, sei es im Betrieb, sei es in Universitäten und eine starke Politisierung.
00:11:03: Maria Popov: Erik Merks erinnert sich auch:
00:11:05: Erik Merks: Man erkannte auch, dass der Faschismus überhaupt nicht aufgearbeitet war. In der Schule endete der Geschichtsunterricht in der Regel mit der Weimarer Republik. Über die Nazizeit lernten wir überhaupt nichts. Sie war verdrängt, obwohl sie auf der Werft noch präsent war. Es gab immer noch die Baracken der Zwangsarbeit dort auf der Werft.
00:11:23: *Musik*
00:11:27: Maria Popov: Dennoch, diese Politisierung zeigt sich zunächst besonders deutlich in der Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition, kurz APO. Damit bezeichnete man verschiedene Protestgruppen und politische Initiativen, die außerhalb des Bundestags Druck ausübten. Dazu gehörten vor allem Studierende, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, andere linke Gruppen und auch Teile der Gewerkschaftsjugend. Sie protestierten gegen die Notstandsgesetze, gegen autoritäre Strukturen und für mehr demokratische Mitbestimmung. Die Studentenbewegung bringt dabei neue politische Ideen, Protestformen und Netzwerke hervor. Die Lehrlinge kennen dagegen die konkreten Konflikte aus den Betrieben. Autoritäre Vorgesetzte, schlechte Ausbildungsbedingungen, ausbildungsfremde Arbeiten und kaum Möglichkeiten zur Mitsprache. Zusammen kommen die beiden Strömungen vor allem über die Gewerkschaftsjugend und über Studierende, die zuvor selbst eine Lehre gemacht haben. Der politische Aufbruch wandert also nicht einfach von der Universität in die Werkhalle. Er trifft dort auf junge Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen machen und beginnen, die Verhältnisse im Betrieb und in der Gesellschaft zu hinterfragen. Aus diesen Verbindungen und durch die Konflikte in den Betrieben entsteht schrittweise das, was später die Lehrlingsbewegung genannt wurde. Eine der ersten öffentlich sichtbaren Aktionen fand im September 1968 statt.
00:12:51: *Musik*
00:12:55: Es ist der 25. September '68. Mehrere tausend junge Menschen und Angehörige sind zu einer Freisprechungsfeier in Hamburg gekommen. Nach bestandener Ausbildung sollen an diesem Tag die Lehrlinge aus ihrem Ausbildungsverhältnis offiziell entlassen werden. Auf der Bühne sprechen Vertreter der Kammer, im Publikum sitzen junge Menschen und ihre Familien. Und plötzlich regnet es Flugblätter von der Tribüne. Metalllehrlinge und gewerkschaftlich organisierte Studierende wollen mit der Aktion auf die Missstände in der Berufsausbildung aufmerksam machen. Der erwartete Tumult bleibt aus. Vertreter der Kammer suchen stattdessen das Gespräch und erklären, auch sie hielten Reformen für notwendig. Für die jungen Aktivist*innen ist die Aktion ein Anfang. Wenige Wochen später tragen sie ihren Protest weiter auf die Straße. Und das führt zum Anfang der Folge zurück, zu jenem kalten Wintertag, von dem uns Erik Merks erzählt hat.
00:13:56: Erik Merks: Ja, das war ein schöner Wintertag, den wir damit verbracht haben, Parolen geschrien haben.
00:14:01: Maria Popov: Es ist damals die erste große Lehrlingsdemonstration überhaupt in Deutschland und das in Hamburg.
00:14:07: Erik Merks: Es waren große Demonstrationen, über 1.000 Lehrlinge, die dort für bessere Ausbildungsbedingungen, für bessere Inhalte der Ausbildung, für eine bessere Kooperation Schule und Lehrbetrieb demonstriert haben. Aber wir kamen am nächsten Tag eben in den Betrieb mit einer gewissen Begeisterung, schlugen die Zeitung auf, nichts, nichts, gar nichts. Es wurde nicht erwähnt. Wir waren restlos frustriert und waren der Meinung, wenn man was ändern will, muss man Krawall machen. Alleine brav irgendetwas zu machen, das bringt nichts. Wir müssen mehr Krawall machen.
00:14:43: Maria Popov: Nach der Demonstration im November '68 verstummt der Protest nicht. In ganz Deutschland und auch in Hamburg geht es weiter. Die Lehrlinge, darunter auch Merks, treffen sich weiter, tauschen sich aus, diskutieren und schmieden Pläne für weitere Aktionen.
00:14:58: *Musik*
00:15:03: Erik Merks: Der 1. Mai, der von einem Kampftag der Arbeiterklasse, wie wir ihn sehen wollten, wurde eine Jubelveranstaltung. Eine Familienjubelveranstaltung, das wollten wir verhindern.
00:15:13: Maria Popov: Und darüber haben wir auch schon in unserer Folge zum 1. Mai gesprochen. Die verlinken wir euch in den Shownotes. Und wie Merks schon gesagt hat, an diesem Tag machen sich Lehrlinge auf, um den 1. Mai zu stören.
00:15:25: Knut Andresen: Diese 3.000 ziehen zum Rathausmarkt, wo Willy Brandt spricht, wo der DGB eine große Kundgebung mit knapp 10.000 Leuten organisiert hatte. Da kam es zu Störungen und zu Prügeleien zwischen gewerkschaftlichen Ordnern und den Demonstrierenden, die am Ende gewissermaßen von der Polizei auch durch die Stadt gejagt werden.
00:15:45: Maria Popov: Es ist der Höhepunkt der Lehrlingsbewegung, damals im Mai 1969. Die heftigen Proteste auf dem Rathausmarkt bleiben auch für die Gewerkschaften nicht ohne Folgen. Nur wenige Tage später beraten Betriebsräte und Vertrauensleute darüber, wie der DGB künftig mit der wachsenden Unzufriedenheit der jungen Beschäftigten umgehen soll.
00:16:09: Knut Andresen: Und daraufhin entwickelt der DGB in Absprache mit einigen gewerkschaftlichen Studierenden und der Gewerkschaftsjugend, der organisierte eben die Idee eines gewerkschaftlichen Sofortprogramms für die Gewerkschaftsjugend.
00:16:22: Maria Popov: Knut Andresen erzählt, dabei geht es nicht nur um neue Forderungen, sondern auch um neue Formen der Beteiligung. Die Lehrlinge sollen einen offenen Treffpunkt bekommen, an dem sie ohne Amt oder Mitgliedschaft in einem Gewerkschaftsgremium zusammenkommen können. Aus diesem Sofortprogramm entsteht deshalb im September 1989 der sogenannte Jour Fix der Gewerkschaftsjugend. Der französische Begriff bedeutet so viel wie fester Termin. Lehrlinge und junge Gewerkschafter treffen sich nun regelmäßig, berichten von Problemen in ihren Betrieben, diskutieren Forderungen und bereiten gemeinsame Aktionen vor. Und auch Erik Merks ist dabei.
00:16:59: Mann: Jeden Sonnabendabend trafen wir uns in der Hochallee, in der Kommune Hochallee in Hamburg-Almsbüttel und haben diskutiert, haben debattiert über Lehrlingsprobleme, über politische Probleme, über Flugblätter, über die Gesellschaft, über die Notstandsgesetze.
00:17:12: Maria Popov: Auch die IG Metall trägt den Jour Fix zumindest teilweise mit. Erik Merks empfindet das damals allerdings weniger als reine Solidarität, sondern auch als strategische Entscheidung.
00:17:23: Erik Merks: Und die IG Metall hat uns auch dort in der Frage mit unterstützt, es in einigen Punkten auch mitgetragen, weil die IG Metall sehr früh erkannt hat, sie muss den Lehrlingen ein Ventil geben, ein Ventil geben, die Wut loszulassen.
00:17:34: Maria Popov: Und das Hamburger Modell macht Schule. In vielen westdeutschen Städten entstehen nun sogenannte Lehrlingszentren. Dort können Auszubildende zusammenkommen, sich beraten, politische Texte diskutieren und Proteste vorbereiten. Die Zentren werden zu wichtigen Treffpunkten der Lehrlingsbewegung und zugleich zu Orten, an denen unterschiedliche linke Gruppen um Einfluss ringen. Neben Mitgliedern der Gewerkschaftsjugend engagieren sich dort auch junge Kommunisten und später Anhänger der maoistischen Gruppen. Die sogenannten K-Gruppen sahen Arbeiter und Lehrlinge als mögliche Träger einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung. Innerhalb der Lehrlingsbewegung entstehen dadurch politische Debatten, Konkurrenz und mitunter heftige Auseinandersetzungen. In der gesamten Zeit ihres Bestehens ist die Lehrlingsbewegung deshalb keine einheitliche Bewegung. Parallel dazu erkennt auch die Politik, dass sich etwas ändern muss, erzählt Knut Andresen. Auch angestoßen von der Lehrlingsbewegung.
00:18:32: Knut Andresen: Es wird 1969 ein Berufsbildungsgesetz verabschiedet, in dem zum Beispiel der Begriff Lehrling durch Ausbildung ersetzt wird. Und damit sollte bereits unterstrichen werden, diese Ausbildung soll stärker auf pädagogische und Kompetenzvermittlung ausgerichtet sein und nicht vorrangig auf Disziplinierung. Das heißt, pädagogische Eignung von Ausbildern muss belegt werden, der Pädagogikschein, der Ausbilderschein muss abgelegt werden und andere Sachen.
00:19:02: Maria Popov: Schon krass, oder? Wenn man sich bewusst macht, vorher mussten die Ausbilder das nicht nachweisen. Vielleicht ist es deshalb wenig verwunderlich, dass bei pädagogischen Fragen noch immer auf das Prügeln zurückgegriffen wird. Das Gesetz regelt aber noch mehr. Ausbildungsordnungen, Prüfungen, Zuständigkeiten und Rechte, Pflichten in der Ausbildung. Das Gesetz schafft eine grundlegende Reform und verbessert die Situation der Auszubildenden.
00:19:28: *Musik*
00:19:31: Anfang der 70er Jahre gibt es bundesweit rund 140 Lehrlingszentren, teils autonom, teils gewerkschaftlich organisiert. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Denn viele Lehrlingszentren verstehen sich nicht nur als Teil der Gewerkschaftsjugend, sondern sie wollen selbst entscheiden, welche Forderungen sie stellen und welche Aktionen sie durchführen. Flugblätter und öffentliche Auftritte müssen häufig mit den örtlichen Gewerkschaftsvorständen abgestimmt werden. Immer wieder kommt es deshalb zum Streit darüber, wie selbstständig die jungen Mitglieder handeln dürfen. Im Oktober 1972 fällt schließlich eine grundsätzliche Entscheidung. Auf dem DGB-Bundeskongress wird mit dem sogenannten Antrag 300 festgelegt, dass die Gewerkschaftsjugend keine eigenständige Politik betreiben soll, sondern an die Beschlüsse der Gesamtorganisation gebunden bleibt. Es ist das Ende der Lehrlingszentren. Aber mit diesem Ende verschwinden die politisierten Jugendlichen nicht einfach. Einige gehen in die offiziellen Gremien der Gewerkschaftsjugend, werden Jugendvertreter oder engagieren sich später in Betriebsräten. Andere wiederum sind enttäuscht von der aus ihrer Sicht zu bürokratischen Gewerkschaftsarbeit. Und ein Teil von ihnen widmet sich einem neuen Projekt – der Jugendzentrumsbewegung. Anfang der 1970er Jahre entstehen in vielen deutschen Städten Initiativen für unabhängige, selbstverwaltete Jugendzentren. Auch die Arbeit innerhalb der Gewerkschaftsjugend geht weiter. Doch die äußerlichen Bedingungen ändern sich. In der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre ging es den jungen Menschen nicht mehr nur um die Qualität der Ausbildung, sondern:
00:21:10: Knut Andresen: Ab '74 gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Das ist ja das Thema, was dann stark ansteigt, die Arbeitslosigkeit. Da geht es vor allem um Übernahme von Auszubildenden und Verbesserung von Ausbildungssituationen. Insofern wirkt das weiter nach.
00:21:26: Maria Popov: Und wie empfand Erik Merks, der junge Mann, der sich so engagiert hatte, das Ende der Lehrlingsbewegung?
00:21:31: Erik Merks: Die Bewegung war ein Teil ihrer Zeit. Und sie lebte während dieser Zeit und löste sich auch auf, als die Zeit vorbei war. Wir hatten ja erreicht, was wir erreichen wollten. Wir hatten erreicht, dass die Lehrlinge wirklich als anständige Menschen behandelt werden. Es gab also keinen Grund mehr aufsässig zu sein, jedenfalls nicht aus betrieblichen Gründen.
00:21:49: Maria Popov: Und er blickt mit Stolz auf diese Zeit zurück.
00:21:52: Erik Merks: Dass er wegkam, Lehrjahre sind keine Herrenjahre, dass wir diesen Spruch beseitigt haben, dass wir wirklich Menschen wurden, da bin ich stolz drauf.
00:21:59: Maria Popov: Und irgendwie war er in seinem Leben auch immer weiter verbunden mit dieser Zeit.
00:22:04: Erik Merks: Ich engagiere mich immer noch in der IG Metall. Ich engagiere mich im Museum der Arbeit. Also mein Leben kann man sagen, oder mein Tagesleben ist ausgefüllt. Langeweile kommt im Augenblick eigentlich noch relativ selten vor.
00:22:20: Maria Popov: Er gibt auch noch einen Ratschlag für heutige Auszubildende mit.
00:22:23: Erik Merks: Sich zu wehren und vor allem politischer zu werden. Nicht nur in seinem eigenen Kreis zu denken, sondern teils auch politisch zu denken, weil die Welt ist nun mal politisch. Und diese kleinen Betriebe für sich allein gibt es nicht mehr.
00:22:37: Maria Popov: Und ihm fällt auch auf, dass die jungen Menschen sich heute wieder engagieren.
00:22:41: Erik Merks: Ich stelle das mit Freude fest, dass es wieder aktive Jugendliche in den Metall gibt, die sich für die Vergangenheit, nicht nur für die Vergangenheit interessieren, sondern selbst auch aktiv werden.
00:22:50: *Musik*
00:22:55: Maria Popov: Seit dem Ende der Lehrlingsbewegung hat es etwas Ähnliches wie sie nicht mehr gegeben. Zumindest bis jetzt nicht. Aber man muss auch verstehen, die Bedingungen haben sich geändert. Aus Lehrlingen sind Auszubildende geworden, aus Lehrlingszentren, Jugendvertretungen, Gewerkschaftsgremien und andere Formen politischer Organisationen. Und doch wirkt der Protest von damals bis heute weiter. Die Vorstellung, dass Ausbildung zum Beispiel nicht Erziehung zum Gehorsam bedeutet, dass Auszubildende keine billigen Arbeitskräfte sind, dass sie einen Anspruch auf Respekt, gute Ausbildungsinhalte und Mitsprache haben. Und die Lehrlingsbewegung hat all das nicht allein erreicht. Das Berufsbildungsgesetz, die Bildungsreformen und die Gewerkschaften spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Aber ohne die Lehrlinge wären die Missstände niemals so sichtbar geworden. Und sie haben noch etwas erreicht, es wurde nicht länger nur über sie, sondern mit ihnen gesprochen. An diesem Gedanken setzt die DGB-Jugend bis heute an. Die DGB Jugend Nord verbindet politische Bildungsarbeit mit ganz praktischer Unterstützung. Sie geht in Berufsschulen, klärt Auszubildende über ihr Recht auf und unterstützt sie auch dabei, die eigenen Erfahrungen einzuordnen.
00:24:14: Steffen Marquardt: Wir versuchen vor allem, über Bildungsangebote und so weiter für die Themen zu sensibilisieren und den jungen Menschen zu vermitteln, gemeinsam könnt ihr viel erreichen, schließlich euch zusammen.
00:24:25: Maria Popov: Denn manche Konflikte sind bis heute nicht verschwunden. Noch immer berichten Auszubildende von Überstunden, ausbildungsfremden Tätigkeiten und fehlender Anerkennung. Der Unterschied ist, heute gibt es mehr Rechte, mehr Anlaufstellen und mehr Möglichkeiten, sich gemeinsam zu wehren. Auch mit Hilfe der Gewerkschaften und Betriebsräte.
00:24:47: Steffen Marquardt: Andererseits sehe ich halt auch, dass das Problembewusstsein bei jungen Menschen immer größer wird, auf jeden Fall. Und das ist einfach schon ein riesiger Schritt zu sehen, von wegen, okay, es gibt die und die Probleme und ich stehe aber nicht alleine da. Meiner Nachbarin, meiner Mitschülerin usw. geht es da ähnlich und ich bin nicht auf mich allein gestellt.
00:25:08: Maria Popov: Damit führt die Geschichte zurück zu dem jungen Auszubildenden, den Steffen Marquardt auf dem Schulhof getroffen hat. Der hat seine Situation nicht einfach hingenommen, sondern Konsequenzen gezogen, den Betrieb gewechselt. Vielleicht ist genau das das wichtigste Erbe der Lehrlingsbewegung. Die Erkenntnis, dass Probleme im Betrieb nicht immer persönliches Pech sind. Und, dass sich etwas verändern kann, wenn junge Menschen darüber sprechen, sich zusammenschließen und gemeinsam handeln.
00:25:38: Steffen Marquardt: Wir sind viele und gemeinsam können wir viel erreichen. Und es geht nicht nur darum, irgendwie das zu verteidigen, was Generationen oder Menschen vor uns hart erkämpft haben, wie zum Beispiel den Acht-Stunden-Tag, der jetzt wieder zur Debatte steht, oder auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, also dass ich auch Geld bekomme, wenn ich mich krankmelde, das ist nichts, was irgendwie einfach so vom Himmel gefallen ist, sondern das sind alles Errungenschaften, die wir gemeinsam erkämpft haben, die jetzt zur Debatte stehen. Und gemeinsam, glaube ich, gilt es nicht nur, diese Errungenschaften zu verteidigen, sondern vor allem das Ganze auch noch zu verbessern, würde ich sagen. Da bin ich sehr, sehr optimistisch, muss ich sagen.
00:26:17: *Musik*
00:26:21: Maria Popov: Das war „Geschichte wird gemacht“. Abonniert diesen Podcast, um keine Folge zu verpassen. Und wenn euch dieser Podcast gefällt, freuen wir uns über eine Bewertung.
00:26:29: *Musik*
00:26:33: „Geschichte wird gemacht“ ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host Maria Popov. Redaktion: Carina Schroeder für Hauseins und Amanda Witkowska für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal.
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