„Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“ –  Warum 35h Arbeit die Woche genug sind!

Shownotes

Blockierte Werke, Lastwagen, die auf Streikende zurollen, Zeitschriften, die mit Helikoptern ausgeliefert werden. Bei den Streiks um die 35-Stunden-Woche der IG Druck und Papier ging es ganz schön zur Sache. Einer, der damals ganz vorne mit dabei war, ist Viktor Kalla. Er war damals Drucksetzer und Teil des Betriebsrats der Frankfurter Rundschau. In dieser Folge erzählt er von dem Streik, den er trotz großer Anstrengungen und gefährlicher Situationen als die schönste Zeit seines Lebens erinnert.

Doch nicht nur die IG Druck und Papier, auch bei der IG Metall wurde damals für eine 35-Stunden-Woche gestreikt. Wie die Kommunikation damals ablief, darüber hat Sascha Kristin Futh ihre Promotion geschrieben. Heute leitet sie das Ressort Branchenpolitik bei der IG Metall. Außerdem hören wir Sophie Vossel, die Teil des Bundesjugendvorstands von ver.di ist. Sie erzählt, was Merz Forderungen danach, dass mehr und härter gearbeitet werden soll, mit ihr und anderen jungen Menschen machen.

„Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von Hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung.   

  • Host: Maria Popov
  • Redaktion: Katharina Alexander für Hauseins und Amanda Witkowska Pawella für die Hans-Böckler-Stiftung.   
  • Produktionsleitung: Stefanie Groth  
  • Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald   

Links und Hintergründe

Weitere Folgen "Geschichte wird gemacht":

Transkript anzeigen

00:00:11: Viktor Kalla: Der Lastwagen ist zentimeterweise ganz langsam durchs Tor rausgefahren. Wir haben uns davorgestellt, die Polizei hat versucht, uns da wegzubringen. Die waren aber zu wenig, die konnten das nicht. Und dann haben sich Leute einfach auf die Straße gelegt, vor den Lastwagen. Und wir konnten nur hoffen, Mensch, hoffentlich hat der Fahrer, behält er die Nerven.

00:00:22: *Protestrufe und Musik*

00:00:41: Maria Popov: Hey, ich bin Maria und ihr hört „Geschichte wird gemacht“. Ein Lastwagen, der von Streikenden blockiert wird, Helikopter, die Zeitungen ausliefern, und ein CDU-Bundeskanzler, der tausende Arbeiter*innen als „dumm und töricht“ bezeichnet, darüber sprechen wir in dieser Folge. Aber bevor wir uns anschauen, wie Menschen in der Druck- und Metallindustrie wochenlang für mehr Freizeit und den Erhalt von Arbeitsplätzen gestreikt haben, hören wir erst mal kurz den aktuellen Bundeskanzler, Friedrich Merz.

00:01:14: Friedrich Merz: Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug. Um es noch deutlicher zu sagen: Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten. Und deswegen müssen wir mehr arbeiten!

00:01:34: Maria Popov: Das sagte Merz vergangenes Jahr beim CDU-Wirtschaftstag.

00:01:38: Sophie: Ich bin schon wütend geworden.

00:01:40: Maria Popov: Und das ist Sophie. Sie ist 27, Diplom-Juristin und Teil des Bundesjugendvorstands von ver.di. Sie findet klare Worte für Merz und seine Kritik an den Arbeitenden.

00:01:50: Sophie: Ich glaube, dass der Punkt um Mehrarbeit, dass er diesen Punkt angesprochen hat, eher davon zeugt: Okay, der kennt sich mit Betriebsrealitäten und den Realitäten der Mittelschicht wirklich so gar nicht mehr aus.

00:02:03: Maria Popov: Aktuell arbeitet Sophie freiberuflich als Referentin und gibt Seminare dazu, welche Rechte Interessenvertretungen wie ver.di, das Bildungswerk oder der DGB haben. Dabei kann sie flexibel entscheiden, wie sie sich ihre Arbeit einteilt. Das heißt aber auch oft: lange Tage mit viel Arbeit.

00:02:20: Sophie: An den Seminartagen würde ich schon sagen, dass es die zehn, zwölf Stunden teilweise sind.

00:02:26: Maria Popov: Dazu kommen Vor- und Nachbereitung, administrative Arbeiten, ihr Ehrenamt bei der Gewerkschaft und Carearbeit. Denn Sophie passt regelmäßig auf ihr Patenkind auf. Die politischen Diskussionen darüber, dass die tägliche Arbeitszeit erhöht werden soll, machen sie wütend.

00:02:42: Sophie: Also Arbeitszeit ist ein Machtinstrument. Es ermöglicht ja ganz, ganz viel. Nämlich einmal hängt von meiner Arbeitszeit aktuell ab, wie viel ich verdiene. Von meiner Arbeitszeit hängt ab, wie ich teilhaben kann und aber auch Karrierechancen hängen von meiner Arbeitszeit ab, denn wenn ich viel arbeite, dann habe ich in der Regel in der Privatwirtschaft mehr Aufstiegschancen als jemand, der zum Beispiel in Teilzeit ist.

00:03:05: Maria Popov: Außerdem zeigen Untersuchungen des WSI, des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Sitftung, dass das Arbeitsvolumen seit Anfang der 1990er deutlich zugenommen hat. Das heißt: Die gesamte Anzahl der Arbeitsstunden in Deutschland steigt seit Jahren an.

00:03:22: Sophie: Das ist ja eine unglaubliche Summe an Stunden, die wir arbeiten, wir arbeiten so viel wie noch nie. Es geht ja auch nicht nur um Personen im Büro. Es geht ja auch um Menschen, die richtig harte körperliche Arbeit machen.

00:03:35: *Musik*

00:03:41: Maria Popov: Die Bundesregierung aus Union und SPD will das Arbeitszeitgesetz reformieren. Das haben sie schon 2025 im Koalitionsvertrag festgehalten. Darin heißt es, man wolle „im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen“. Das soll mehr Flexibilität für Arbeitnehmer*innen bringen. Aber was genau heißt das? Die Idee ist, dass es keine Acht-Stunden-Tage mehr geben soll, sondern vermutlich eine 48-Stunden-Woche, bei der die Höchstarbeitszeit pro Tag flexibel ist. Von den Gewerkschaften gab es große Kritik an dieser Idee. Yasmin Fahimi, die Vorsitzende des DBG, sagte beim Bundeskongress 2026 dazu:

00:04:23: Yasmin Fahimi: Auch diese Debatte ist nichts anderes als Ausdruck der Respektlosigkeit. Es ist ein Kniefall gegenüber den Arbeitgebern, es ist ein Rückfall in die Arbeitszeiten von vor 1918, liebe Kolleginnen und Kollegen. Und so weit lassen wir uns nicht zurückwerfen! Finger weg von der Acht!

00:04:40: *Applaus*

00:04:42: Maria Popov: Als die Bundesregierung Anfang Juli ihr Reformpaket für „Aufschwung und Beschäftigung“ vorgestellt hat, da war die Arbeitszeitreform kein Teil davon. In diesem Paket hat die Bundesregierung unter anderem vorgeschlagen, dass man in Zukunft ab dem ersten Tag eine Krankschreibung brauchen könnte, dass die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden könnte und unbefristete Verträge ohne Grund bis zu sechsmal verlängert werden könnten. Aber eben keine Vorschläge zur Arbeitszeit. Laut Kanzler Merz wird die Regierung sich aber „im Laufe des Sommers“ auf einen Gesetzesentwurf dazu einigen. Und hier ein kleiner Transparenzhinweis: Wir nehmen diese Folge Anfang August auf. Bisher liegt noch kein neuer Gesetzesentwurf vor. Wenn ihr unsere Folge zum Acht-Stunden-Tag gehört habt, wisst ihr, dass dieser über Jahrzehnte hart erkämpft wurde. Und wie Yasmin Fahimi gesagt hat, seit über 100 Jahren nicht angerührt wurde. Die ganze Folge dazu verlinken wir in den Shownotes.

00:05:39: Sophie: Ich glaube, Freizeit ist ganz, ganz wichtig einmal zum Rechargen, aber auch eben dieser Teil von, okay, ich habe Freizeit und ich kann das in die Gesellschaft oder in meine Organisation jetzt gerade stecken. Das ist schon wichtig.

00:05:54: *Musik*

00:05:58: Maria Popov: Die Frage danach, wie wertvoll Freizeit ist, die ist nicht neu. Einer, der vor 40 Jahren dafür gekämpft hat, dass er und seine Kolleg*innen weniger arbeiten müssen, ist Viktor Kalla.

00:06:08: Viktor Kalla: Es ging darum, wer verfügt über meine Zeit? Sind die Arbeitgeber die einzigen, die über meine Zeit verfügen können, nach Gutdünken und dergleichen mehr? Und wir wollten ja ein Stoppschild setzen und wir wollten ja auch ganz bewusst sagen, weniger Arbeiten ist möglich und wir haben mehr Freizeit, auch mehr Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, den Hobbys nachzugehen und dergleichen mehr. Wir haben jedes Jahr Produktivitätsfortschritte gehabt, wir haben mit weniger Leuten jedes Jahr mehr gearbeitet, warum sollen wir da wie in so einem Hamsterrad rumlaufen, und unsere Arbeitskraft zur Verfügung stellen?

00:06:40: Maria Popov: Zwischen Frühling und Sommer 1984 kam es in Deutschland zu einem der größten Arbeitskämpfe in der Geschichte der Bundesrepublik. Die IG Metall und die IG Druck und Papier haben damals für die Einführung einer 35-Stunden-Woche in ihren Branchen gestreikt. Viktor Kalla war damals von Anfang an dabei.

00:07:01: Katharina Alexander: Trinkst du auch mit Milch?

00:07:06: Viktor Kalla: Ja, ja. Aber allerdings keine Kondensmilch, sondern nur Vollmilch, ja?

00:07:12: Katharina Alexander: Das macht nichts.

00:07:14: Maria Popov: Meine Kollegin Katharina hat ihn in seiner Wohnung in Frankfurt am Main getroffen.

00:07:17: Viktor Kalla: Mein Name ist Viktor Kalla, ich bin in der Rhön geboren, in einem kleinen Ort von 300 Einwohnern und irgendwann baute da jemand, als ich 15 Jahre alt war und die Realschule besucht habe, baute einen Druckbetrieb dort auf.

00:07:35: Maria Popov: Viktor Kalla arbeitet damals, Anfang der 1960er Jahre, in einer Kneipe im Ort. Eines Tages bedient er den Chef der Druckerei. Und der fragt ihn, ob er nicht Lust hätte, eine Lehre als Schriftsetzer zu machen.

00:07:47: Viktor Kalla: Und da wurde alles noch in Blei gegossen. Die Zahlen, jede einzelne Zeile. Es war am Setzkasten, die hat man heute nur noch, um irgendwelche Figuren reinzustellen. Da waren Buchstaben drin gelegen, einzelne Buchstaben.

00:07:59: Maria Popov: Und diese einzelnen Buchstaben werden dann in eine Art Rahmen gesetzt bzw. eingehakt. So werden ganze Texte zusammengesetzt für Zeitungen, Prospekte oder Magazine.

00:08:09: Viktor Kalla: Es war ein anspruchsvoller Beruf. Ja, es hat mir total Spaß gemacht. Ich habe diesen Beruf gerne gemacht.

00:08:14: Maria Popov: Als Drucksetzer kommt Viktor Kalla dann 1972 zur Frankfurter Rundschau.

00:08:19: Viktor Kalla: Das war natürlich dann eine andere Welt, weil, das war ein Großbetrieb mit 1.700 Beschäftigten in der Hochzeit. Und Zeitung zu machen ist eine unglaublich spannende Geschichte. Man geht, sagen wir mal, nachts, wenn die Zeitung fertig ist, von der Arbeit weg und hat was beendet. Das finde ich unheimlich toll.

00:08:41: Sascha Kristin Futh: Aber schon wenige Jahre später verändert sich Viktor Kallas Arbeit grundsätzlich.

00:08:44: Maria Popov: Anfang der 70er Jahre, als dann die Elektronik Einzug hielt und rechnergesteuerte Systeme unsere Arbeit übernommen haben, dann ist der Bleisatz gestorben.

00:08:57: Viktor Kalla: Wir haben in der Zeit geburtenstarke Jahrgänge, also das heißt, es sind sehr viele Menschen, die auch in den Arbeitsmarkt eintreten und hinzukommt, dass wir immer mehr Frauenerwerbstätigkeit haben.

00:09:08: *Musik*

00:09:12: Maria Popov: Das ist Sascha Kristin Futh. Sie arbeitet in der IG Metall und leitet das Ressort Branchenpolitik. Bevor sie dort angefangen hat, hat sie zu den Gewerkschaften geforscht und sich in ihrer Promotion unter anderem mit den Streiks zur 35-Stunden-Woche beschäftigt. Sie weiß: Die Angst vor Arbeitslosigkeit hat damals viele Menschen umgetrieben. Während die Arbeitslosigkeit 1970 noch deutlich unter einem Prozent lag, war sie dann 1975 auf fast fünf Prozent angestiegen.

00:09:41: Sascha Kristin Futh: Der technologische Fortschritt hat sich insbesondere halt in der Industrie durchgesetzt. Also in der Druckindustrie hatte man halt vorher irgendwie klassisch-händisches Druckverfahren. In der Metall-Elektro-Industrie kam immer mehr Technik auch zum Einsatz. Und dadurch gab es insbesondere in diesen Branchen da die Rationalisierungstendenzen.

00:10:04: Maria Popov: Viele Menschen haben damals Angst um ihre Jobs. Sie tragen auf Demos Schilder, auf denen steht: „Achtung, die Roboter kommen!“

00:10:12: Archivmaterial Mann 1: Also wenn die Roboter noch stärker zum Einsatz kommen, werden noch mehr Arbeitsplätze vernichtet.

00:10:19: Archivmaterial Mann 2: Wir haben früher drei Mann gehabt, heute macht das einer, der hat einen Monitor da und der bedient die Knöppe.

00:10:23: Maria Popov: So klingt das in Archivaufnahmen von Streiks und Demos aus der Zeit, die wir in einem Video der IG Metall gefunden haben. Auch bei der Frankfurter Rundschau machen sich viele Menschen Sorgen.

00:10:33: Viktor Kalla: Es war schon ein Stückchen Angst, den angestammten Arbeitsplatz zu verlieren. Und jetzt war die Frage, wie geht es, wenn sich mein Berufsbild ändert, und ich muss jetzt an der Schreibmaschinentastatur schreiben, was ich nie gemacht habe, oder ich muss mit anderen Werkzeugen arbeiten, wenn das Blei weg ist, dann gibt es ja das nicht mehr, dann sind es belichtete Fahnen oder Papier und wie arbeite ich da und sonst was. Da gab es schon Verunsicherungen.

00:11:01: Maria Popov: Viktor Kalla ist damals Mitglied bei der Gewerkschaft IG Druck und Papier. Die gibt es inzwischen nicht mehr. Seit 2001 ist sie Teil von ver.di.

00:11:09: Viktor Kalla: Als ich bei der Rundschau angefangen habe, bin ich in die Gewerkschaft eingetreten. Ich bin auch gleich angesprochen worden. Es war völlig klar, wir waren bei den Facharbeitern sowieso zu hundert Prozent organisiert. Wir hätten auch mit niemandem gearbeitet, der nicht organisiert ist.

00:11:24: Maria Popov: Dass so viele Menschen gewerkschaftlich organisiert sind, wirkt sich auch auf das Arbeitsklima aus.

00:11:30: Viktor Kalla: Also Leute, die in der Gewerkschaft waren, sind natürlich auch Abteilungsleiter oder Produktionsleiter oder sonst was geworden. Und das hat auch ein Stückchen die Stimmung ausgemacht, die kollegiale Stimmung in dem Betrieb.

00:11:43: Maria Popov: Außerdem hilft es natürlich sehr, gemeinsame Ziele umzusetzen. Und das wird 1978 zum ersten Mal in Viktor Kallas Arbeitsleben so richtig wichtig.

00:11:52: *Musik*

00:11:56: Viktor Kalla: Es war so die Rede davon, dass der Schriftsetzer ein aussterbender Beruf ist und dass wir da keine lange Lebensdauer mehr in den Betrieben haben.

00:12:04: Maria Popov: Darum entscheiden sich die Kolleg*innen 1978 dafür: Wir müssen für unsere Rechte kämpfen und streiken!

00:12:11: Viktor Kalla: Das war eine großartige Geschichte. Es ging darum, dass diejenigen, die seither diese Tätigkeit gemacht haben, nicht entlassen werden, dass sie umgeschult werden, dass Kurse angeboten werden und dass sie sowas wie eine Arbeitsplatzgarantie kriegen. Das haben die Arbeitgeber natürlich abgelehnt.

00:12:30: Maria Popov: Sechs Wochen dauert der Streik insgesamt. Und die Arbeitgeber greifen zu einem besonders drastischen Mittel: Sie sperren die Streikenden aus.

00:12:38: *Musik*

00:12:44: Bei einer Aussperrung lässt der Arbeitgeber die Beschäftigten nicht in den Betrieb und zahlt ihnen auch keinen Lohn. So soll verhindert werden, dass Streikende sich organisieren und Verunsicherungen gestreut werden. Oft wird zwischen heißen und kalten Aussperrungen unterschieden. Bei einer heißen Aussperrung werden alle Beschäftigten nicht mehr in den Betrieb gelassen – egal, ob sie sich an einem Streik beteiligt haben oder nicht. Bei einer kalten Aussperrung ist die Lage etwas komplizierter. Hier schickt der Arbeitgeber die Beschäftigten ohne Geld nach Hause, weil es angeblich keine Aufträge mehr gibt. Zum Beispiel, weil in einer anderen Branche oder einer anderen Stadt gestreikt wird. Nach dem Motto: Weil unsere Zulieferer streiken, gibt es für euch nichts mehr zu tun. Dadurch soll insgesamt der Zusammenhalt unter Beschäftigten und die Solidarität mit anderen Streikenden angegriffen werden. Die heiße Aussperrung trifft Viktor Kalla und seine Kolleg*innen damals unvorbereitet.

00:13:40: *Musik*

00:13:43: Viktor Kalla: Wir haben es nicht für möglich gehalten, dass die das wagen. Und dann haben die uns ausgesperrt. Wir haben das abends erfahren. Wir sind nicht nach Hause gegangen nach der Spätschicht. Wir haben alle Kollegen angerufen, deren Telefonnummern wir hatten, die sind alle gekommen und wir haben den Betrieb besetzt.

00:14:00: Maria Popov: Die Frankfurter Rundschau hat mit ihrem Plan also das komplette Gegenteil erreicht. Statt einer Aussperrung sitzen jetzt die Beschäftigten im Betrieb und sie sagen: Nee, ihr kriegt uns hier nicht mehr raus!

00:14:12: Viktor Kalla: Wir haben uns dann überlegt am nächsten Morgen, was wir machen mit dem angefangenen Tag. Wir haben uns geweigert, rauszugehen. Wir haben gesagt, so, jetzt sollen sie bitte schön die Polizei holen und sollen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, aber dann wird es ernst. Das haben sie sich nicht getraut und wir haben dann zusammen, die Redakteurinnen und Redakteure waren auch ausgesperrt, und damit haben wir so ein Komitee gegründet praktisch innerbetrieblich: Wir verteidigen die hessische Verfassung, die natürlich Aussperrung verbietet.

00:14:42: Maria Popov: In der hessischen Verfassung heißt es nämlich: „Die Aussperrung ist rechtswidrig“. 1988, also zehn Jahre nachdem Viktor Kalla und seine Kolleg*innen die Rundschau besetzt haben, erklärte das Bundesarbeitsgericht das hessische Aussperrungsverbot für ungültig. Es sei nicht mit dem Bundesrecht vereinbar. Aber 1978 gibt es dieses Urteil noch nicht und Aussperrungen sind rechtlich hart umkämpft.

00:15:06: Viktor Kalla: Und haben dann mit Hilfe der Redaktion, so wie an jedem normalen Arbeitstag, eine Zeitung selbst gemacht. Und diese Zeitung haben wir für 20 Pfennig damals verkauft.

00:15:18: Maria Popov: Und diese Streik-Zeitung aus der besetzten Frankfurter Rundschau, die wollen damals viele haben!

00:15:24: Viktor Kalla: Wir haben die Zeitungsträger, die ansonsten die Zeitung verkauft haben, die haben wir eingeladen. Die wurden als erste mit Zeitungen bestückt und haben Zeitungen zum Verkauf angeboten bekommen auf der Straße, weil die auch darunter gelitten haben, dass keine erscheint, am meisten.

00:15:41: Maria Popov: Und diese Aktion übt ganz schön viel Druck auf die Arbeitgeber aus. Die haben eigentlich gar keine andere Wahl mehr, als sich auf Gespräche einzulassen.

00:15:49: Viktor Kalla: Es war ein tolles Erlebnis und wie gesagt, wir haben da gelernt in diesem Arbeitskampf, dass man, wenn man sich komplett wehrt und alle zusammenhalten, dass es da eine Möglichkeit gibt, auch solche Situationen zu entschärfen. Dass der Tarifvertrag endete mit dem Ergebnis, dass die seither Beschäftigten Vorrang haben, wenn es um Besetzung von Arbeitsplätzen geht, einen Anspruch auf Umschulung haben und so weiter und so fort. Und so haben wir den Übergang in die neue Technik ganz gut gemeistert.

00:16:22: *Musik*

00:16:26: Maria Popov: 1978 sind die Beschäftigten, insbesondere die Drucksetzer, bei der Frankfurter Rundschau also erfolgreich. In dieser Zeit wird auch eine andere Forderung in den Gewerkschaften lauter:

00:16:38: Sascha Kristin Futh: Da kam halt schnell diese Forderung nach der 35-Stunden-Woche auf, wobei man auch da schon gesagt hat, 35-Stunden-Woche ist eigentlich eher so ein Zwischenziel zur 32- oder dann auch zur 30-Stunden-Woche.

00:16:53: Maria Popov: Denn auch wenn die Arbeitslosigkeit damals steigt, geht es der Wirtschaft eigentlich gut. Durch die neuen Technologien können viele Unternehmen effizienter produzieren.

00:17:02: Sascha Kristin Futh: Also wir haben eigentlich quasi Wirtschaftswachstum und trotzdem Arbeitslosigkeit, dass da eigentlich so Gegensätze sind, was man auch so bisher nicht kannte.

00:17:12: Maria Popov: Darum ist eine Idee der Gewerkschaften: Wenn jede Person pro Tag eine Stunde weniger arbeitet, bleibt über die Woche die Arbeit von fünf Stunden liegen. Pro sieben Menschen im Unternehmen, sieben mal fünf sind 35, ergibt sich also eine neue Stelle, die besetzt werden kann. Darum fordern sie die 35-Stunden-Woche bei gleichem Lohn.

00:17:37: *Musik „Mit 35 Stunden geht's voran“*

00:17:37: Liedtext: Mit 35 Stunden geht’s voran. Recht auf Arbeit für die Frau und für den Mann. Mit Entschlossenheit gegen Arbeitslosigkeit packen wir die 35 Stunden an.

00:17:51: Maria Popov: Die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche wird zum Mittelpunkt des Arbeitskampfes bei der IG Metall und der IG Druck. Und dafür haben sich die Gewerkschaften ein Symbol überlegt: Eine gezeichnete Sonne, die rechts über einer 35 aufgeht.

00:18:06: Viktor Kalla: Die aufgehende Sonne für die 35 klebte an allen Maschinen, an allen schwarzen Brettern. Im ganzen Betrieb war überall, auf jeder Toilette und auf jeder Tür klebte diese aufgehende Sonne. Und das war das Symbol dafür, dass wir halt die 35 Stunden wollen.

00:18:26: Sascha Kristin Futh: Man hatte ein Symbol, was auf allen Materialien zu diesem Arbeitskampf zu sehen war, was so das verbindende Element des Arbeitskampfes war.

00:18:37: Maria Popov: Nicht alle sind von der Idee begeistert.

00:18:39: Sascha Kristin Futh: Das war aber durchaus kontrovers, auch im DGB diskutiert.

00:18:43: Maria Popov: An diesen Diskussionen ist auch Viktor Kalla beteiligt. Er ist inzwischen Teil des Betriebsrats.

00:18:49: Viktor Kalla: Die 35-Stunden-Woche war bei unseren Kollegen am Anfang nicht mal so toll, was ist das denn, jeden Tag 18 Minuten oder so haben wir nicht ausgerechnet. Bei uns wäre das eher um freie Tage gegangen, weil wir Wochenendarbeit hatten. Wir haben sieben Tage produziert, weil wir ja auch Sonntagszeitungen gemacht haben. Und da wäre uns so eine freie Tage-Regelung lieber gewesen als diese Arbeitszeitverkürzung täglich. Auf der anderen Seite war es jetzt das politische Ziel, einen Beitrag leisten.

00:19:22: Maria Popov: Von Arbeitgeberseite und aus der Politik gibt es damals ordentlich Gegenwind gegen die 35-Stunden-Woche.

00:19:28: Viktor Kalla: Die Arbeitgeberverbände haben ja versucht zu spalten, in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung.

00:19:34: Maria Popov: 1983 nannte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche „absurd, dumm und töricht“.

00:19:44: Viktor Kalla: Wenn man in Frankfurt durch die Stadt gegangen ist am Samstag, waren Stände von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Flugblätter verteilt haben, dass wir die Wirtschaft ruinieren.

00:19:55: Maria Popov: Die damalige Bundesregierung aus Union und FDP möchte die Arbeitslosigkeit lieber durch eine Vorruhestandsregelung senken.

00:20:03: Viktor Kalla: Diese Vorruhestandsregelung sollte ermöglichen, dass Leute frühzeitig in Rente gehen können und damit die Alten eben rauskommen, damit die Jungen bleiben können. Das war natürlich mit Einbußen verbunden, das war aber auch mit weniger Rente verbunden und dergleichen mehr. Die Arbeitgeber haben dies vorher, vor der Forderung nach 35 Stunden, haben die das vehement abgelehnt und dann haben sie es plötzlich ins Feld geführt als Konkurrenz dazu. Und das hat ja auch gewirkt, das haben von den 17 Gewerkschaften, glaube ich, die es damals gab, haben nur fünf sich für die 35-Stunden-Woche ausgesprochen und wir waren am Ende, die IG Metall und wir, die IG Druck und Papier, waren dann die Letzten, die auch eine Tarifforderung gestellt haben.

00:20:45: *Musik*

00:20:46: Maria Popov: Parallel zu den Diskussionen in der IG Druck und Papier, setzt man sich auch in der IG Metall für die 35-Stunden-Woche ein. Anfang 1984 kommt es zu Tarifverhandlungen, die aber scheitern.

00:20:58: Sascha Kristin Futh: Erst mal sind die Tarifverhandlungen natürlich unabhängig voneinander. Man muss natürlich sehen, die IG Metall ist eine sehr viel größere Gewerkschaft. Also die Gewerkschaft Druck und Papier gibt es ja heute nicht mehr. Aber damals war die von den Mitgliederzahlen natürlich eine sehr viel größere Gewerkschaft.

00:21:15: Maria Popov: Das ist wieder Sascha Kristin Futh von der IG Metall. Die Tarifverhandlungen der IG Metall scheitern im Frühling 1984. Die Arbeitgeber sagen: „Keine Minute unter 40 Stunden!“ Bei einer Urabstimmung stimmen über 80 Prozent der Beschäftigten für einen Streik, der startet dann im Mai 1984. Fast 60.000 Menschen in über 20 Betrieben legen damals ihre Arbeit nieder.

00:21:41: Sascha Kristin Futh: Es gab sehr viele Streikmaßnahmen, also über fünf Millionen Arbeitstage sind im Zuge der Streiks verloren gegangen und man hat von April bis Juni gestreikt, also das heißt, es gab eine sehr lange Streikphase und es gab auch sehr viel Aussperrung von den Arbeitgebern. Und weil natürlich ja die Unternehmen in der Metallindustrie miteinander zusammenhängen, ist es so, wenn jetzt in Baden-Württemberg gestreikt wird, kann das ja auch Auswirkungen zum Beispiel auf Rheinland-Pfalz haben, wo eigentlich gar nicht gestreikt wurde. Und dadurch gab es auch kalte und heiße Aussperrungen von den Arbeitgebern. Also die Arbeitgeber haben damals noch mit Aussperrungen reagiert und so hatte der Streik quasi auch Auswirkungen auf Gebiete, in denen eigentlich keine Streiks stattgefunden haben.

00:22:34: Maria Popov: Normalerweise hätten die Menschen, die „kalt“ ausgesperrt wurden, Kurzarbeitergeld bekommen. Aber der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Heinrich Franke, verkündet: Um den Arbeitskampf zu verkürzen, gibt es kein Geld für kalt Ausgesperrte.

00:22:47: Sascha Kristin Futh: Und da hat der DGB zum Beispiel zum sogenannten Marsch auf Bonn aufgerufen und damals sind 250.000 Personen nach Bonn marschiert. Also man kann sich das kaum vorstellen. Es gab 60 Sonderzüge, es gab 3.000 Busse, die nach Bonn gefahren sind. Es war ganz schlechtes Wetter, als damals in Bonn demonstriert wurde, und da sind ganz bekannte Bilder entstanden mit so Regenschirmen.

00:23:14: Maria Popov: Die Fotos von dem Protest verlinken wir euch in den Shownotes. Darauf sieht man ein riesiges Meer aus Regenschirmen. Dazwischen werden Transpis und Plakate hochgehalten. „Arbeitsplätze schaffen. Arbeit menschlicher machen“ steht da zum Beispiel, oder „Wer aussperrt, gehört eingesperrt“. Wenige Wochen später wird der Erlass von Heinrich Franke von Gerichten gekippt. Auch kalt Ausgesperrte haben ein Recht auf Kurzarbeitergeld. Der Streik bei der IG Metall geht weiter.

00:23:43: *Musik*

00:23:48: Auch bei der IG Druck und Papier gibt es Anfang 1984 Tarifverhandlungen. Aber die Arbeitgeber wollen nicht von der 40-Stunden-Woche abrücken. Und so scheitern die Verhandlungen auch hier und der Weg für einen Streik ist frei.

00:24:01: Viktor Kalla: Da war es dann so, dass die ersten Streikaufrufe kamen und wir natürlich jetzt mit der neuen Situation konfrontiert waren.

00:24:09: Maria Popov: Denn nach der Aussperrung 1978, ihr erinnert euch, als Viktor Kalla mit seinen Kolleg*innen die Frankfurter Rundschau besetzt hat, gab es ein Urteil dazu, dass die Aussperrung gerechtfertigt gewesen sei. Das Gericht sagt: Streiktage und Aussperrungstage müssen im Verhältnis zueinander stehen. Um nicht wieder ausgesperrt zu werden, überlegen sich die Mitglieder der IG Druck und Papier darum eine neue Strategie.

00:24:35: Viktor Kalla: Wir haben diese neue Streiktaktik als flexiblen Arbeitskampf bezeichnet, vorher schon geübt und gemacht. Und es ging eigentlich darum, die Produktion unplanbar zu machen. Und das macht irgendwann, also wenn die Produktionshoheit nicht mehr beim Arbeitgeber liegt, sondern die Produktionshoheit liegt bei den Beschäftigten.

00:24:55: Maria Popov: Zeitungen werden ja mit viel Zeitdruck und vor allem jeden Tag neu produziert. Wenn Viktor Kalla und der Betriebsrat also morgens ankündigen: Heute um 18 Uhr wird gestreikt, setzt das die Arbeitgeber ganz schön unter Stress.

00:25:07: Viktor Kalla: Dann ist die Zeitung umgestellt worden, dann sind die Seiten reduziert worden, dann ist die Auflage reduziert worden, dann hat man eine Notausgabe geplant und dergleichen mehr und um 18 Uhr ist nichts passiert. Also diese Nummern, ja, dass man überraschend gestreikt hat, dass man am Wochenende, wo wir hohe Zuschläge bekommen haben, haben die nie geglaubt, dass wir streiken. Das war die größte Überraschung. Die hatten volle Kanne die Zeitung vollgemacht und wir haben nicht gearbeitet. Und solche Sachen. Es gab eine unheimliche Solidarität, die sich entwickelt hatte.

00:25:38: Maria Popov: Die Drucker sind damals ziemlich gut vernetzt und stimmen sich bei ihren Streiks miteinander ab.

00:25:42: Viktor Kalla: Ich kannte alle Kollegen, die in den größeren Zeitungsbetrieben gearbeitet haben, weil wir uns ausgetauscht haben, immer und einen guten Dialog geführt haben und das war prima. Und deswegen konnten wir, sagen wir mal, so ganze Produktionszweige, in Arnsburg ist nicht gedruckt worden, in Kettwig ist nicht gedruckt worden, bei der Rundschau ist nicht gedruckt worden und bei der Süddeutschen ist nicht gedruckt worden. Und sowas konnten wir innerhalb von zwei, drei Tagen organisieren, ohne dass da überhaupt jemand was mitgekriegt hat.

00:26:10: Maria Popov: An manchen Tagen gibt es gar keine Tageszeitungen an den Kiosken, an anderen sind die Seiten teilweise leer. Die Stimmung damals ist aufgeladen.

00:26:19: Viktor Kalla: Die FAZ hat geschrieben, das wäre ein Anschlag auf die Pressefreiheit, was wir machen würden und dergleichen mehr. Das war ja alles heftig. Und die öffentliche Meinung war auch am Anfang gegen uns. Das hat sich aber auch im Verlauf der Zeit geändert. Und um das zu korrigieren, das war ein unheimlicher Kraftaufwand. Aber es hatte auch eine unheimliche Energie.

00:26:42: Maria Popov: Jeden Tag um 14 Uhr hält Viktor Kalla im Streiklokal eine kleine Ansprache und stellt falsche Aussagen aus Medienberichten richtig. Hier können die Streikenden zusammenkommen, sich gegenseitig Mut zusprechen und die aktuelle Lage diskutieren.

00:26:56: Viktor Kalla: Und es gab natürlich auch immer Versuche, uns zu demoralisieren. Ein Versuch war, den hat die FAZ gestartet, und dann haben sie mit dem Hubschrauber eine Notausgabe ausgeflogen. Und es waren unglaublich viele Leute vorm Tor, es war eine vierseitige Notausgabe, die sie gedruckt hatten, und die dann unter Aufsicht der Polizei mit einem Hubschrauber ohne Genehmigung, der am Hof bei denen landete, beladen wurde und aufstieg. Das hat uns unglaublich geärgert, dass wir das nicht verhindern konnten am Ende.

00:27:35: Maria Popov: Mit einem Heli die Sonderausgabe ausliefern ... auch wenn es Viktor Kalla und seine Mitstreikenden frustriert hat, dass sie das nicht verhindern konnten, zeigt es doch auch, wie verzweifelt die Arbeitgeber waren.

00:27:47: Viktor Kalla: Das hat genau den gegenteiligen Effekt gehabt. Die Leute waren so sauer. Auch diese Ohnmacht macht aggressiv, sage ich mal.

00:27:55: Maria Popov: Und die Situation ist nicht die einzige gefährliche, die Viktor Kalla bei diesem Streik erlebt. Da ist zum Beispiel dieser eine Abend in Neu-Isenburg, bei der Druckerei, in der neben der Frankfurter Rundschau auch andere Zeitungen und Zeitschriften gedruckt werden.

00:28:09: *Musik*

00:28:13: Viktor Kalla: Wir haben damals also ein ... „Bild der Frau“ hieß dieses Produkt, eine furchtbare Illustrierte, und die ist gedruckt worden, nachts von Streikbrechern und sollte nachts auch ausgeliefert werden. Und wir haben das natürlich mitgekriegt, dass da gedruckt wird, wir haben ja als Betriebsräte auch Zugang zum Betrieb und können gucken, was ist, und dann haben wir alles mobilisiert, was überhaupt Beine hat und uns unterstützt hat und es waren viele.

00:28:40: Maria Popov: Die Jugendorganisationen der Gewerkschaften, Student*innen, Menschen aus dem Ort: Alle sind am Start.

00:28:47: Viktor Kalla: Und die Lastwagen sind drin beladen worden mit diesem Produkt auch von Streikbrechern. Und die haben das alles gesehen und ich bin reingegangen, habe mir das angeguckt. Und dann haben wir das Tor dicht gemacht.

00:29:03: Maria Popov: Die Streikenden und ihre Unterstützer*innen versammeln sich vor dem Werktor, haken sich beieinander unter und sagen: hHier fährt heute kein Lieferwagen mehr raus! Doch die Geschäftsführung macht Druck: Die LKWs, die im Werk beladen wurden, sollen die „Bild der Frau“ ausliefern!

00:29:22: Viktor Kalla: Und jetzt ist der erste Lastwagen rausgefahren. Und es war ja damals so, dass in Offenbach ein Kollege überfahren worden ist und schwer verletzt worden ist von Aushilfsfahrern. Und es ist in Stuttgart ein Kollege schwer verletzt worden, ein Sekretär von uns, weil es so eine aufgeheizte Stimmung vor den Toren gab. Und wenn die gezwungen waren und gezwungen, genötigt waren rauszufahren, und man hat sich vor das Auto gestellt, um das zu verhindern, dann brauchte man selber gute Nerven, aber auch der Fahrer musste gute Nerven haben, dass er diesem Druck nicht nachgegeben hat. Und so sind diese Unfälle passiert.

00:30:00: Maria Popov: Es ist also dunkel. Die Menschen vor dem Werktor in Neu-Isenburg stehen dicht zusammen. Die Scheinwerfer des Lastwagens leuchten in die Menge.

00:30:08: Viktor Kalla: Der Lastwagen ist zentimeterweise ganz langsam durchs Tor rausgefahren. Wir haben uns davorgestellt, die Polizei hat versucht, uns da wegzubringen. Die waren aber zu wenig, die konnten das nicht. Dann haben sich Leute einfach auf die Straße gelegt, vor den Lastwagen. Und wir konnten nur hoffen, Mensch, hoffentlich hat der Fahrer, behält er die Nerven. Der hat tatsächlich die Nerven behalten, hat den Schlüssel gezogen und hat gesagt, ich fahre nicht weiter.

00:30:38: *Musik*

00:30:40: Maria Popov: Es hat geklappt, die Auslieferung wurde blockiert! Viktor Kalla geht mit anderen Streikenden ins Werk.

00:30:47: Viktor Kalla: Dann sind wir reingegangen und haben gesagt, wir lassen den Lastwagen, der jetzt schon auf der Straße stand, der war schon jenseits des Tores, aber blockiert, wir lassen den wegfahren mit diesen Notausgaben, wenn alle anderen Lastwagen, die drin sind, entladen werden. Und das gucken wir uns an. Und dann haben wir von draußen durchs Tor gesehen, wie an der Rampe alles wieder schön entladen wird und mit jeder Palette, die wieder vom Lastwagen runtergefahren wird, haben wir unseren Sieg gefeiert, haben Beifall geklatscht und so weiter und so fort.

00:31:16: Maria Popov: Diese Blockade ist einer von vielen kleinen Erfolgen, die die Streikenden erstreiten. Mit der Zeit ändert sich auch die öffentliche Wahrnehmung des Streiks. Sascha Kristin Futh von der IG Metall beschreibt es so:

00:31:29: Sascha Kristin Futh: Was damals sehr, wie ich finde, sehr besonders war, war, dass es auch so gesellschaftliche Solidarisierungsmaßnahmen gab. Also es gab an Universitäten, Streikuniversitäten, die sich mit den Streiks auseinandergesetzt haben. Es gab so Aktionen, dass sich so Chöre gebildet haben und in den Fußgängerzonen aufgetreten sind. Es gab auch große Kundgebungen, also es gab klassisch natürlich zu den Tarifverhandlungen Kundgebungen der Beschäftigten, aber es gab auch große Solidaritätskundgebungen auch vom DGB organisiert.

00:32:09: Maria Popov: Diese Unterstützung nimmt auch Viktor Kalla wahr.

00:32:12: Viktor Kalla: Wir hätten es nicht alleine geschafft, wenn wir nicht so viel Solidarität hätten bekommen von vielen anderen Organisationen.

00:32:19: Maria Popov: Insgesamt streiken Viktor Kalla und seine Kolleg*innen 13 Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Im Vergleich: bei der IG Metall kommt es schon nach sieben Wochen zu einer Einigung.

00:32:29: Viktor Kalla: Uns war klar, dass die IG Metall vor uns abschließen wird. Die IG Metall war der große Tanker immer in der Tarifpolitik. Wir waren in der elften Woche im Streik, da hat es einen Abschluss gegeben bei der Metall. Das heißt, 38,5 war das Angebot und ein Stufenplan.

00:32:48: Maria Popov: Die IG Metall einigt sich damals mit den Arbeitgebern auf eine Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden. Diese gilt aber nicht für alle Betriebe. In Stufen soll die Arbeitszeit über die nächsten Jahre auf 35 Stunden die Woche reduziert werden.

00:33:03: Viktor Kalla: Wir wussten, wir schließen auf keinen Fall vor der Metall ab. Aber wir wollten auch das Ergebnis der Metall nicht akzeptieren als IG-Druck und Papier. Die Metall hat im Durchschnitt 38 gehabt, nicht für alle. Und wir haben gesagt, für jeden Einzelnen muss die 38,5 am Ende stehen.

00:33:21: Maria Popov: Der Streik der IG Druck und Papier geht noch zwei Wochen weiter. Aber am 5. Juli 1984 kommt es zu einer Einigung.

00:33:29: Viktor Kalla: Wir hatten aufgerufen zum Streik bis sechs Uhr morgens. Und das war irgendwie nachts bekannt geworden. Und dann haben wir gesagt, wir sind ein ordentlicher Streikbetrieb, wir machen bis 6 Uhr und bleiben alle da und haben Feuerchen gemacht und haben alles weggeräumt. Und das war eigentlich eine wunderbare Nacht, weil die Leute alle nicht nach Hause gegangen sind, sondern dageblieben sind. Und wir haben unseren ersten Erfolg gefeiert und haben gesagt, dann bleiben wir auch bis sechs.

00:34:04: Maria Popov: Die IG Druck und Papier hat eine Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden für alle Beschäftigten ausgehandelt. Außerdem wird die Arbeitszeit für die nächsten zehn Jahre schrittweise reduziert. 1995 ist dann endlich das große Ziel erreicht: 35 Stunden Wochenarbeitszeit für alle Beschäftigten von IG Metall und IG Druck und Papier, die inzwischen IG Medien heißt.

00:34:29: Viktor Kalla: Wir sind nicht sofort auf 35 gekommen, sondern es hat lange gedauert, bis wir die 35-Stunden-Woche hatten. Aber für uns in der Branche war das klasse.

00:34:39: Maria Popov: Bis heute denkt Viktor Kalla gerne an den Streik von 1984.

00:34:44: Viktor Kalla: Das ist ein tolles Erlebnis gewesen. Vielleicht die schönsten Wochen in meinem Leben, sag ich mal. Obwohl es sicherlich die anstrengendsten gewesen sind.

00:34:52: *Musik*

00:34:56: Maria Popov: Viktor Kalla und seine Mitstreiter*innen waren 1984 erfolgreich mit ihrem Kampf um eine 35-Stunden-Woche. Ganz ehrlich, heute fühlt sich diese Forderung schon fast utopisch an. Ihr habt es ja am Anfang dieser Folge gehört: aktuell ist der Acht-Stunden-Tag schon in Gefahr. Kanzler Merz möchte, dass wir alle mehr und effizienter arbeiten, weniger krank sind und mehr leisten. Und das, obwohl in Deutschland so viel gearbeitet wird wie noch nie. Und auch heute merken Menschen, wie wertvoll Zeit ist. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung würden 60 Prozent der Beschäftigten lieber mehr Freizeit haben als ein höheres Gehalt. Die Hauptgründe dafür sind „mehr Zeit für die Familie“ und „mehr Zeit für Hobbies, Freunde und mich selbst“. Diese Tendenz beobachtet auch Sophie von der ver.di Jugend, die ihr am Anfang dieser Folge gehört habt.

00:35:46: Sophie: Also wenn ich mit meinen Freunden rede, die würden alle sagen, ja weniger Stunden auf jeden Fall. Da sind viele eher geneigt zu sagen, ich gehe in Teilzeit oder ich mache so 70 Prozent, dafür aber dann durchaus mehr Zeit für Hobbys, für seine anderen Freunde.

00:36:06: Maria Popov: Gleichzeitig merkt Sophie, dass sich zum Beispiel Debatten um die Einführung einer Vier-Tage-Woche für alle gerade sehr weit weg von der politischen Realität anfühlen.

00:36:14: Sophie: Mir ist das bewusst und ich will eher diesen Abwehrkampf auch führen und sagen, okay, ich möchte hier keinen Standard verlieren, als, vielleicht auch ein bisschen zu träumen, aber ich glaube auch, es ist wichtig Utopien hier aufzumachen - weil, nur so kann man auch irgendwie am Ball bleiben.

00:36:30: Maria Popov: Am Ball bleiben, das mussten 1984 auch Viktor Kalla und seine Kolleg*innen. Ich finde ja, ihr Kampf um die 35-Stunden-Woche zeigt, dass man vieles erreichen kann, wenn man sich zusammentut und gemeinsam für ein Ziel kämpft. Gleichzeitig ist es auch ein Beispiel dafür, dass wir uns auf diesen Erfolgen der Vergangenheit nicht ausruhen dürfen.

00:36:55: *Musik*

00:36:58: Maria Popov: Das war Geschichte wird gemacht. Abonniert den Podcast, um keine Folge zu verpassen. Und wenn euch unser Podcast gefällt, dann freuen wir uns über eine Bewertung.

00:37:07: *Musik*

00:37:11: Maria Popov: „Geschichte wird gemacht” ist eine Produktion von hauseins im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Ich bin eure Host: Maria Popov. Redaktion: Katharina Alexander für hauseins und Amanda Witkowska Pawella für die Hans-Böckler-Stiftung. Produktionsleitung: Stefanie Groth. Schnitt und Sounddesign: Joscha Grunewald. Tschüss und bis zum nächsten Mal.

00:37:31: *Musik*

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